Nicht selten ergießen sich Videospiele in ein hemmungsloses Actiongeballer und überzeugen vor allem durch Schnelligkeit und große Effekte. Dass auch die leisen Töne eine ganz besondere Wirkung entfalten können, zeigt das bittersüße Spiel „Last Day of June“ von Ovosonico, welches in jeder Hinsicht einzigartig ist. Wir begeben uns mit den liebevoll geschnitzten Figuren auf eine unvergessliche Zeitreise und wollen in unserem Test herausfinden, ob das Schicksal wirklich immer unausweichlich ist.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände

Wir lernen Carl und seine Frau June kennen. Beide verbringen einen romantischen Abend am See, als June ihrem Liebsten schließlich ein kleines Geschenk überreicht. Doch ehe der Spieler erfährt, was sich darin befindet, zieht ein heftiger Sturm auf. Carl und June steigen ins Auto, um den Regenmassen zu entkommen. Doch bereits auf der Landstraße verheißt die hereinbrechende Dunkelheit nichts Gutes. Dann geschieht das Unglück: Ein kleiner Junge rennt unvermittelt auf die Straße und Carl gerät durch eine Notbremsung ins Schleudern. Ein tragischer Unfall, der Carl an den Rollstuhl fesselt und June das Leben kostet. In tiefer Trauer erwacht Carl nachts in seinem Sessel und bewegt sich durch das trostlose Heim, welches von kahlen Wänden gezeichnet ist. Doch dann passiert etwas Merkwürdiges: Wie durch Zauberhand hat Carl die Fähigkeit gewonnen, durch die Gemälde des Hauses in die Erinnerungen an jenen Tag des Unglücks zu reisen und diesen noch einmal neu zu durchleben. Kann er das Schicksal noch einmal abwenden und die Tragödie ungeschehen machen?

Lässt sich das Schicksal neu schreiben?

Das Spielprinzip von „Last Day of June“ ist ebenso simpel wie außergewöhnlich und erlaubt es dem Spieler, dem Schicksal immer wieder einen Strich durch die Rechnung zu machen. So entwickeln die Gemälde an der Wand ihr ganz eigenes Leben und allein durch das Betrachten gelingt es Carl, einen Abstecher in die Vergangenheit zu machen. Dabei schlüpft er jeweils in der Rolle der Figur, die auf dem jeweiligen Bild portraitiert ist und erlebt den Tag so aus einer immer neuen Perspektive. Schlüpft der Spieler anfangs noch in die Rolle von Carl, lernt er mit der Zeit die andere Charaktere der Nachbarschaft immer besser kennen, zu denen der einsame Junge, ein reicher Jäger, ein alter Mann und eine hoffnungslos verliebte Frau zählen. Dabei basiert die Spielmechanik auf einer Art Schmetterlingseffekt, die deutlich macht, dass jedes einzelne Detail dazu beitragen hat, dass sich die traurige Tragödie überhaupt erst ereignen konnte. Doch jede kleine Änderung, die der Spieler vornimmt, zieht eine Reihe an Konsequenzen und damit ganz neue Probleme nach sich. Durch jede Erinnerung, die der Spieler durchlebt, erfährt er nicht nur etwas mehr über die tiefe Verbundenheit zwischen Carl und June, sondern wird auch mit den einzelnen Nachbarn vertraut, die allesamt ihre ganz eigene Geschichte erzählen.

Wenn alles unwirklich erscheint

Optisch präsentiert sich „Last Day of June“ in einem ganz eigenen Stil und setzt damit auf die volle Kraft der Bildgewalt. So erscheint die Kulisse wie ein fröhlich gemaltes Bild, welches durch einen geschickten Lichteinfall schon beinahe impressionistische Züge innehat. Auffallend ist auch, dass die Figuren keine Augen haben, aber dennoch aufgrund ihrer niedlichen Gesten so ausdrucksstark miteinander interagieren, dass das Spiel nichts an seiner Wirkung einbüßt. Der Soundtrack stammt von Steven Wilson höchstpersönlich, der seinerzeit in seinem Song „Drive Home“ schon durch den Einsatz niedlicher Papierfiguren eine traurige Geschichte erzählte.

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