Die Videospielindustrie blickt auf über ein halbes Jahrhundert voller Höhen und Tiefen zurück. Von der ersten Heimkonsole im Jahr 1972 bis zu den riesigen, komplexen Spielwelten der Gegenwart erstreckt sich eine beeindruckende Entwicklungsgeschichte. Doch bei aller technologischen Innovation und allem technischen Fortschritt ist diese Geschichte vor allem von einer Sache geprägt: von Menschen. Das möchten Aktionäre und scheinbare Neuzeit-Visionäre gerne ändern.
Game Design, Erzählungen, Animationen, Grafik, Marketing und wirtschaftliche Entscheidungen entstehen nicht aus dem Nichts. Hinter all dem stehen kreative Köpfe, Entwickler*innen, Künstler*innen und Designer*innen, deren Arbeit Spiele überhaupt erst möglich macht. Genau dieser menschliche Kern der Branche gerät jedoch zunehmend unter Druck. Nicht nur Big-Tech-Unternehmen wie Meta oder Google stellen ihn infrage. Auch innerhalb der Videospielindustrie selbst beginnt es zu brodeln. Eine Entwicklung, die deutlich macht, wie bereitwillig menschliche Kreativität zugunsten von Effizienzfantasien und Automatisierungsversprechen verdrängt wird. Ein Wendepunkt, der uns zeigt, dass die kollektive Verblödung noch längst nicht am Ende ist.
Mehr Luft für die Blase
KI, KI, KI. Das Thema ist allgegenwärtig. Auf der Jagd nach maximaler Profitabilität dringen große Tech-Konzerne mit ihren KI-Systemen in immer neue Bereiche vor. Auch die Videospielindustrie bleibt davon nicht verschont. Mit Project Genie hat Googles KI-Tochter DeepMind zuletzt ein neues Experiment vorgestellt: ein System, das es Nutzer*innen erlaubt, aus einfachen Text- oder Bildvorgaben interaktive virtuelle Welten zu generieren und selbst zu erkunden.
Die Grundidee interaktiver KI ist dabei keineswegs neu. Neu ist jedoch, wie weit diese Technologie inzwischen entwickelt ist. Während Enthusiast*innen darin einen revolutionären Fortschritt sehen, gehen andere noch weiter: Für sie markiert diese Technik das mögliche Ende der Videospiele, wie wir sie bisher kennen.

Und ja, die Technik ist auf ihre Art beeindruckend. Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte Microsoft eine an Quake 2 angelehnte KI-Demo, die frei im Browser spielbar war, allerdings noch mit deutlichen Schwächen. Abseits der für KI typischen Artefakte und absurden Input-Lags fehlte dem System vor allem eines: ein konsistentes Gedächtnis. Die Umgebung veränderte sich beim Drehen der Kamera ständig, räumliche Zusammenhänge gingen verloren, eine kohärente Welt existierte kaum.
Project Genie verspricht hier eine spürbare Verbesserung. Ein Prompt, eine Vorlage. Und aus dieser entsteht eine zumindest rudimentär interaktive Welt, die sich merken kann, wo sich was befindet. Ein Konzept mit erkennbarem Zukunftspotenzial, das eindrucksvoll zeigt, wie rasant sich diese Technologie weiterentwickelt. Doch genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Wofür eigentlich? Und welche Probleme bringt dieser Fortschritt zwangsläufig mit sich?
Eine individuelle Erfahrung für alle?
In welche Richtung soll diese Möglichkeit eigentlich führen? Eine Spielwelt, die vollständig live von einer KI generiert wird, hätte selbst dann ein grundlegendes Problem, wenn es eines Tages keine technischen Einschränkungen mehr gäbe. Und das ist ein großes und ineffizientes WENN. Da eine KI nie exakt gleich arbeitet, wäre jede Spielerfahrung zwangsläufig unterschiedlich. Nicht nur leicht variierend, sondern fundamental verschieden.
Damit ginge etwas verloren, das Spiele – ebenso wie Filme oder Serien – seit jeher auszeichnet: die geteilte Erfahrung. Menschen lieben es, gemeinsam über ein Spiel zu sprechen, Szenen zu vergleichen, Erinnerungen auszutauschen. Genau diese gemeinsame Basis macht ein Erlebnis besonders. Doch wie soll man ein Spiel empfehlen oder diskutieren, wenn es für jede Person völlig anders aussieht?

„Ich bin auf dem Weg einem Drachen begegnet.“
„Oh, bei mir war es eine Hexe.“
„Bei mir gar nichts, der Weg sah komplett anders aus.“
Und selbst wenn bestimmte Ereignisse fest vorgegeben wären, bliebe die Inkonsistenz bestehen: Der Drache war bei mir blau, bei dir gelb, vielleicht sogar an einem anderen Ort. Was bleibt, ist kein gemeinsames Erlebnis mehr, sondern eine lose Sammlung individueller Zufälligkeiten. Das Ergebnis wirkt weniger wie kreativer Fortschritt und mehr wie konzeptioneller Irrsinn.
Absichtlich unterschätzt
Damit fällt eine vollständig live aus der Cloud generierte Spielwelt bereits aus konzeptionellen Gründen weitgehend weg. Mal ganz abgesehen davon, dass die dafür notwendige Rechenleistung in keinem realistischen Verhältnis zu ihrem Nutzen oder ihrer Profitabilität stünde. Bleibt also die nächste Idee: Was, wenn eine KI ein Spiel einmalig „vorbaut“ und anschließend als herunterladbare Software veröffentlicht wird, sodass alle dieselbe Erfahrung machen? Klingt auf den ersten Blick plausibel. Doch genau hier offenbart sich das nächste grundlegende Missverständnis.
Videospiele sind so viel komplexer als nur ein visuelles Konstrukt, das sich lediglich steuern lässt. Unter der Oberfläche verbirgt sich ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Mechaniken, Systemen, Balancing, Leveldesign, Dramaturgie, Sounddesign, User Experience und zahllosen technischen Abhängigkeiten. Ein funktionierendes Spiel ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von zehntausenden Arbeitsstunden, in denen jede Entscheidung auf eine andere reagiert.

So weit sich KI auch entwickeln mag: Sie kommt nicht aus sich selbst heraus auf gute und aufeinander aufbauende Ideen. Sie versteht keinen durchgängigen Kontext, keine Intention, keine Bedeutung. Selbst wenn man die Frage offenlässt, ob ein derartiger Umfang überhaupt vollständig generierbar wäre, bleibt ein zentrales Problem bestehen: Ohne menschliche Kreativität, Zielsetzung und bewusste Gestaltung entsteht kein Spiel, sondern bestenfalls eine leere Simulation von Struktur.
Skyrim? Das gab’s ja noch nie!
Denn ein Blick auf soziale Netzwerke wie Twitter zeigt bereits jetzt, wofür Project Genie tatsächlich genutzt wird. „Schaut mal, ich habe Skyrim gebaut.“ „Ich habe Breath of the Wild gemacht.“ „Hier ist Fortnite.“ Posts, die weniger nach Innovation klingen als nach einer bemerkenswerten kreativen Bankrotterklärung.
Da liegt plötzlich ein mächtiges kreatives Werkzeug in den Händen der Nutzer*innen und das Erste, was entsteht, sind Kopien bereits existierender Spiele. Keine neuen Ideen, keine neuen Perspektiven, sondern der Versuch, bekannte Titel möglichst genau nachzuahmen. Und das funktioniert nicht etwa trotz der KI, sondern gerade wegen ihr. Schließlich wurde sie genau auf diesen Spielen trainiert.

Was hier entsteht, ist keine Kreativität, sondern eine Rekombination. Kein Ausdruck, sondern Wiederholung. Dass bereits am ersten Tag eines solchen Projekts der dominante Impuls darin besteht, bestehende Werke nachzubauen, spricht Bände über die Blase, in der sich diese Technologie bewegt. Eine Blase, die Innovation predigt, aber Reproduktion belohnt.
„Jetzt wirf doch bitte endlich Geld ab“
Man könnte an dieser Stelle noch hunderte weitere Argumente aufzählen, warum dieses Konzept eine Schnapsidee ist. Doch schon diese wenigen Punkte reichen aus, um festzuhalten: Projekte wie Project Genie werden in dieser Form keine Zukunft haben.
Ja, Spielestudios nutzen bereits heute vereinzelt KI-Tools in ihrer Entwicklung. Allerdings nicht als Ersatz für kreative Arbeit, sondern als Assistenz. Als Hilfsmittel, um Prozesse zu beschleunigen, nicht um Ideen zu erzeugen. Die kreative Verantwortung bleibt – und muss – beim Menschen liegen. Denn ohne menschliche Vision, ohne bewusste Entscheidungen und ohne gestalterische Kontrolle entsteht kein Spiel, sondern lediglich eine technisch beeindruckende, inhaltsleere Hülle.
Die finale Verblödung zeigt sich schließlich dort, wo Emotionen eigentlich keinen Platz haben sollten: an der Börse. Nach der Vorstellung von Project Genie verloren Aktien von Take-Two, CD Projekt Red und der Roblox Corporation rund zehn Prozent an Wert, Unity als Engine-Hersteller sogar bis zu 25 Prozent. Und warum? Glauben Aktionär*innen ernsthaft, dass hier eine reale Gefahr für die Videospielindustrie entstanden ist? Selbstverständlich nicht.

Es geht um Wahrnehmung und Relation. In einem Markt, der im Technologiesektor längst absurd über den künstlich aufgeblasenen KI-Hype bewertet ist, reicht bereits der kleinste vermeintliche „Sprung nach vorne“, um massive Kursbewegungen auszulösen. Während Unternehmen weiterhin verzweifelt versuchen, KI endlich profitabel zu machen und sie zwanghaft in jedes Produkt zu integrieren, wird jede Demo, jedes Experiment sofort als revolutionärer Durchbruch verkauft. Und plötzlich heißt es: Google hat das Ende der Videospiele eingeläutet. Also raus aus den Aktien!
Weil künstlich eben nicht menschlich ist
Noch einmal: Glaubt das wirklich jemand? Natürlich nicht. Was wir hier beobachten, ist das typische Verhalten einer Blase kurz vor dem Platzen. Mit immer größerer Kraft versucht sie, sich selbst Bedeutung zuzuschreiben. Project Genie ist dabei kein Beweis für die Intelligenz von KI, sondern für ihre konzeptionelle Leere.
Videospiele werden von Menschen gemacht und so wird es auch bleiben. Denn Kreativität entsteht nicht aus Rechenleistung, die auf fremder Arbeit trainiert wurde. Sie entsteht aus Vision, aus Intention, aus Fehlern, aus Erfahrung, aus Seele. Und aus unzähligen Stunden echter, menschlicher Arbeit.
Artikelbilder: ©Google/Twitter@techhalla/Microsoft


