Test

Test: Romeo is a Dead Man

Eine fantastisch, blutige Sci-Fi-Romanze

Grasshopper Manufacture zählt zu den wahnsinnigsten, kreativsten und vielleicht auch eigenwilligsten Entwicklern der Videospielbranche. Mit Kultklassikern wie Killer7, Lollipop Chainsaw und vor allem No More Heroes hat sich das Studio einen regelrechten Kultstatus erarbeitet. Aber auch Nischentitel wie The Silver Case oder Flower, Sun, and Rain konnten eine treue Fangemeinde um Studiogründer Goichi Suda, besser bekannt als Suda51, versammeln. Mit Romeo is a Dead Man erscheint nun der neueste Titel des Kultentwicklers. Doch kann das Spiel an die Kreativität und Genialität früherer Werke anknüpfen? 

Gleich vorweg: Das wird und kann keine normale Review werden. Seit meiner frühen Jugend und No More Heroes auf der Wii bin ich ein großer Grasshopper-Fan und liebe nahezu alle Titel des Entwicklers. Reihen wie No More Heroes mit ihren ikonischen Charakteren, aber auch Liberation Maiden oder The Silver Case zählen zu meinen absoluten Lieblingstiteln. Wenig überraschend ist es daher, dass Romeo Is a Dead Man genau meinen Geschmack trifft. Betrachtet diesen Test also eher aus der Perspektive eines Grasshopper-Superfans, der sich dennoch bemüht, keine rosarote Brille aufzusetzen, Kritik offen anzusprechen und klar zwischen normalen Spielern und eingefleischten Fans zu differenzieren.

Kill the past

Aber fangen wir von vorne an: Unser Held Romeo Stargazer arbeitet in dem kleinen Örtchen Deadford als Polizist. Bei einem Einsatz lernt er eines Tages ein Mädchen namens Juliet kennen. Die beiden sind schnell Hals über Kopf ineinander verliebt und treffen sich regelmäßig, bis Juliet plötzlich spurlos verschwindet. Bei einem weiteren Einsatz wird Romeo schließlich tödlich verwundet, jedoch in letzter Sekunde von seinem raum- und zeitreisenden Wissenschaftler-Großvater Benjamin Stargazer mit einem Gerät namens Dead Gear gerettet. Seitdem befindet sich Romeo in einem Limbo zwischen Leben und Tod.

Auf der Suche nach seiner geliebten Juliet reist Romeo an Bord der Last Night, einem Schiff der Sonderabteilung für Raum- und Zeitverbrechen des FBI, und wird dabei selbst zum FBI-Spezialagenten. Seine Aufgabe besteht darin, verschiedene Raum-Zeit-Flüchtlinge dingfest zu machen, die mehr oder weniger in Verbindung mit Juliet stehen. Dafür reist er zusammen mit seinem Großvater, welcher sich praktischerweise als lebendes Sidekick-Muster auf dem Rücken von Romeos Jacke gemütlich gemacht hat, in die Vergangenheit und durchstreift unterschiedlichste Orte und Epochen.

Bis ans Ende von Zeit und Raum: Für Juliet nimmt Romeo eine weite Reise auf sich

Klingt doch soweit alles plausibel, oder? Keine Sorge: Beim Spielen selbst wirkt die Story deutlich verständlicher und vor allem noch ein gutes Stück interessanter, doch dazu später mehr.

Brutal und unendlich befriedigend

Doch was für ein Spiel ist Romeo is a Dead Man überhaupt? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, lässt sich genretechnisch aber am ehesten als Character Action mit 3D-Brawler-Anleihen einordnen. Der Großteil des Spiels besteht darin, Level zu durchstreifen, die wie kleine Dungeons aufgebaut sind und sich in feinster Hack-and-Slay-Manier durch Gegnerhorden zu metzeln. Und „metzeln“ ist hier tatsächlich der richtige Ausdruck, denn Romeo Is a Dead Man zeigt sich gewohnt brutal – ganz im Stil von Grasshopper Manufacture.

Aber so blutig das Kämpfen in Romeo is a Dead Man auch ist, so viel Spaß macht es auch. Grasshopper konnten schon immer gute Kampfsysteme, doch mit No More Heroes 3 haben sie mir erstmals gezeigt, dass sie ganz oben mitspielen, was auch hier wieder so ist. Denn das Durchmetzeln fühlt sich einfach unendlich befriedigend an. In Romeo is a Dead Man kann man im Laufe des Spiels zwischen vier Nahkampf- und vier Fernkampfwaffen wählen, die sich alle großartig spielen. Die Steuerung wirkt zunächst relativ simpel: leichter und starker Angriff, eine Schusstaste, bei der man zielen oder einen schnellen Schuss abgeben kann und eine Ausweichtaste. Keine Parrierung, kein unnötiger Schnickschnack. Genau diese Einfachheit macht das Kampfsystem so präzise und befriedigend.

So viel Blut, so viel Spaß: Das Kampfsystem spielt sich fantastisch

Und trotzdem steckt enorm viel Tiefe in diesem Kampfsystem. Durch die Vielzahl an Gegnern muss man ständig aufpassen, sich nicht in die Enge treiben zu lassen oder zu fahrlässig einfach nur draufzuhauen. Wenn man jedoch erst einmal den Dreh raus hat, ist es unglaublich befriedigend, sich mit mächtigen Angriffsketten durch eine Horde Gegner zu schnetzeln. Besonders die Nahkampfwaffen stechen hier hervor, da sich jede von ihnen spürbar anders spielt und man schnell seinen eigenen Spielstil findet.

Abgerundet wird das Kampfsystem durch eine ultimative Attacke, die man über die Blutanzeige auflädt, und durch die sogenannten Bastarde. Die Bastarde sind kleine… nennen wir sie mal Monster, auch wenn sie optisch eher zombieartig wirken. Auf dem Schiff Last Night kann man sie als Samen pflanzen und aufziehen. Im Kampf verfügt jeder Bastard über unterschiedliche Angriffe oder Buffs: Einer schießt mächtige Laser, ein anderer rennt auf die Gegner zu und explodiert, wieder ein anderer entfesselt eine Attacke, die fast wie ein Kamehame-ha wirkt. Diese muss zwar kurz aufgeladen werden, was bedeutet, dass man hofft, dass der Gegner sich nicht aus dem Zielbereich bewegt, doch wenn sie trifft, pulverisiert sie nahezu jedes Monster mit Leichtigkeit.

Reich mir die Hand du Bastard: Romeo is a Dead Man ist auch ein Farming-Spiel

Zusätzlich kann man die Bastarde miteinander kreuzen, um ihre Fähigkeiten zu verstärken oder zu kombinieren. Auch Romeo selbst lässt sich im Laufe des Spiels zusammen mit seinen Waffen durch gesammelte Ressourcen und Minispiele aufwerten. Das Team von Grasshopper versteht es wie kaum ein anderes Studio, die Charakterprogression perfekt auf den Spielfortschritt abzustimmen. Die Stärkung des eigenen Charakters fühlt sich immer befriedigend an, sodass mein Romeo am Ende zwar leicht overpowered war, es sich aber trotzdem richtig anfühlte und nicht so, als gäbe es keine Herausforderung mehr. 

Generell bietet das Spiel mit seinen vier Schwierigkeitsgraden eine sehr ausgewogene Erfahrung, mit der sowohl Neueinsteiger als auch erfahrene Spieler glücklich werden sollten. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ist das Spiel oft herausfordernd, aber nie wirklich frustrierend. Die Gegnertypen variieren teils stark, stellen jedoch meist nur in großer Zahl eine wirkliche Herausforderung dar. Mit zusätzlichen Buffs oder zweiten Chancen zeigt das Spiel außerdem Wertschätzung dafür, dass man am Ball bleibt, selbst wenn man einmal früh scheitert. Einziger Wermutstropfen: Nach dem Start des Abenteuers lässt sich der Schwierigkeitsgrad nicht mehr ändern. Sollte man also schnell merken, dass das Spiel zu leicht oder zu schwer ist, bleibt nur, das Abenteuer von vorne zu beginnen. Ein flexibler Wechsel während des Spiels wäre hier deutlich schöner gewesen.

Boss-Level: Passt nicht aufs Foto

Echter Raum, yes. Unterraum, mess.

Die Dungeons im Spiel sind vom Aufbau her leicht verzwickt, wirken in der Route, die man durchstreitet, aber dennoch relativ linear. Nach einigen Gegnerhorden stößt Romeo immer auf den sprechenden Nirvana-TV. In diesem Fernseher erscheint ein Mann ohne Gesicht, der Romeo mit malerischen Worten anspricht und ihn schließlich fragt, ob er in den Unterraum möchte, welcher das Gegenstück zur aktuellen Welt, dem echten Raum, ist.

Der Unterraum macht etwa 50 % der Dungeons aus und besteht aus einem aus Blöcken aufgebauten, sich flexibel anpassenden Rätsel- und Parcoursbereich. Hier muss man Schlüssel sammeln, um am Ende des Levels den Boss bekämpfen zu können. Leider zeigt sich gerade hier die größte Schwäche des Spiels, denn darüber hinaus steckt in diesem Bereich nur wenig Abwechslung.

Du kriegst noch viereckige Augen! Der Nirvana-TV teleportiert Romeo von Raum zu Raum

Versteht mich nicht falsch: ich mochte manche Unterraum-Bereiche durchaus, doch die Idee bleibt weit hinter ihrem Potenzial zurück. Oft besteht die größte Herausforderung darin, einfach den richtigen Weg in der sterilen und sich ständig wiederholenden Umgebung zu finden. Das vielleicht größte Rätsel im Unterraum ist ein Ball, den man wieder rundformen muss, damit sich neue Wege öffnen. Ja, wirklich, ein Ball. Danach findet man meist einen Schlüssel und kehrt mit dem Nirvana-TV wieder in den echten Raum des Dungeons zurück, nur um nach einigen Gegnern und ein paar Metern erneut in den Unterraum geschickt zu werden und dasselbe Spiel noch einmal zu durchlaufen.

Abgesehen von den kurzen Ladezeiten dazwischen, die den Spielfluss stark bremsen, wirken die Dungeons oft langweiliger, als sie eigentlich sein könnten. Dass es auch anders geht, zeigt ein großer Unterraum, der wirklich kreativ und verzwickt aufgebaut war und etwas mehr Gehirnschmalz erforderte, als einfach nur geradeaus zu laufen. Dennoch hätte hier viel mehr Potenzial stecken können und es war der einzige Part im Spiel, bei dem ich wirklich oft: „Nicht schon wieder.“ dachte.

Das Einzige, was durch diese Kugel rollt, waren meine Augen

Hat man schließlich alle Schlüssel beisammen, darf man sich dem Boss des jeweiligen Dungeons stellen. Und diese sind typisch für Grasshopper einfach fantastisch. Die Designs sind höchst kreativ, die Angriffsmuster stark unterschiedlich und wenn man beim Kämpfen nicht aufpasst, können sie richtig anspruchsvoll werden. Sie erreichen meiner Meinung nach zwar nicht ganz die Einzigartigkeit der Bosse aus No More Heroes, doch man erkennt deutlich die Handschrift des Studios und es ist eine echte Freude, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Eine weitere echte Freude sind die Storyschnipsel und Cutscenes dazwischen. Diese werden meist in Comic-Book-Panels erzählt und variieren extrem in ihrem Stil. Keine Cutscene gleicht der anderen. Alle sind ikonisch, ein wahrer Augenschmaus und tragen die bereits angesprochene, großartige Geschichte von Romeo is a Dead Man weiter. Denn genau diese Story ist für mich die größte Stärke des Spiels.

Grasshopper in Bestform

Suda51 kann schreiben. Das ist kein Geheimnis. Doch Romeo is a Dead Man ist vielleicht sein am besten geschriebener Titel überhaupt. Die Mischung aus den verschiedenen, wie immer sehr ikonischen Charakteren, der Spannung, wie es weitergeht, dem Humor, der Art, wie die Geschichte erzählt wird, sowie der Welt und dem Rätsel rund um Juliet gehören für mich zu den liebsten Videospielgeschichten überhaupt. Überall sind kleine Schnipsel versteckt, überall gibt es Randstorys, die das Spiel enorm aufwerten. Es scheut sich auch nicht, kurz ganz vom Geschehen abzuweichen, was dem Spiel zusätzlichen Charme verleiht.

Grasshopper-Fans, die glauben, sie wüssten, was sie bekommen, werden mit einer großen Portion „noch mehr“ belohnt. Neulinge könnten anfangs etwas verwirrt sein, sollten aber dennoch vom fantastischen Schreibstil des Spiels und den verschiedenen Charakteren amüsiert sein. Abseits davon wirkt Romeo is a Dead Man wie ein Best-of aus fast 30 Jahren Grasshopper Manufacture. Fans egal welcher Titel von Suda51 werden sich hier sofort heimisch fühlen. Jede noch so kleine Schwäche in den Dungeons habe ich innerhalb weniger Sekunden vergessen, sobald eine Cutscene folgte, die mich daran erinnerte, warum ich dieses Studio eigentlich so liebe.

An Bord der Last Night sind wir visuell eher Ende der 80er. Und ich liebe es!

Gleichzeitig greift Romeo is a Dead Man gesellschaftskritische und philosophische Themen auf und lädt dazu ein, beim Spielen länger über verschiedene Dinge nachzudenken – vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein. Die Geschichte bietet zudem genügend Spekulationsspielraum, der zusammen mit den philosophischen Aspekten des Spiels eine erfrischende Abwechslung zu den mittlerweile allzu vorhersehbaren und vollständig ausformulierten Geschichten vieler anderer Spiele bietet, die keinerlei Raum für eigene Interpretationen lassen.

Stilbombe pur

Auch in seiner Präsentation macht Romeo is a Dead Man richtig etwas her. Grafisch lehnt sich das Spiel stark an No More Heroes 3 an und sieht dabei durchweg gut aus. Kreativ gestaltete Charaktere und Gegnertypen sowie der beeindruckende Wechsel der Grafikstile – den ich an dieser Stelle nicht weiter spoilern möchte – lassen das Spiel definitiv herausstechen. Unterstützt wird das Ganze von den bereits erwähnten, genial gestalteten Cutscenes und einer großartigen Musikauswahl, inklusive teils eigens für den Soundtrack komponierter Songs von Musikgruppen. Romeo is a Dead Man ist eine echte Stilbombe und strahlt fast schon absichtlich aus, einfach cool zu sein.

Juchu, Elvis lebt! Das Spiel führt in die unterschiedlichsten Epochen

Man merkt in vielen Momenten zudem deutlich, dass Suda51 hinter dem Spiel steckt, wenn er seine Special Interests und japanischen Einflüsse einfließen lässt. Sei es nun das Thema Wrestling oder die umfassende Wissenschaft hinter japanischem Curry.

Zudem läuft das Spiel größtenteils flüssig auf der PS5 im Performance Mode und sieht dabei so gut aus, dass ich den Qualitätsmodus mit leicht höherer Auflösung nicht empfehlen würde, da die 60 FPS des Performance-Modus für eine deutliche bessere Spielerfahrung sorgen. Nach der eher holprigen Performance von No More Heroes 3 auf der Switch hatte ich gehofft, dass diese 60 FPS konstant bleiben. Leider gibt es aber auch in Romeo is a Dead Man Abschnitte, die deutlich schlechter laufen. In einem Bereich war es so schlimm, dass ich fast 15 Minuten mit nur etwa 20 FPS gespielt habe, sodass mein größte Feind plötzlich nicht mehr die Gegnerhorde vor mir, sondern die Framerate selbst war.

Romeo is a Masterpiece

Abschließend lässt sich sagen, dass Romeo is a Dead Man ein Best-of aus fast 30 Jahren Grasshopper Manufacture ist und ein Spiel, das trotz etwas schwächerer Dungeons bedingungslos Fans von Suda51 zu empfehlen ist und neuen Spielern des Entwicklers mit kleinen Vorbehalten empfohlen werden kann. Meine Erwartungen wurden übertroffen – wenn auch auf eine andere Weise, als ich gedacht hätte. Während der rund achtstündigen Geschichte um Romeo Stargazer, Juliet und seinen zeit- und raumreisenden Großvater Benjamin hatte ich durchgängig ein Lächeln im Gesicht und hier und da auch mal die Kinnlade weit unten. Die Geschichte ist ebenso spannend wie witzig und die Welt, die Charaktere und das Spiel selbst haben jetzt schon einen großen Platz in meinem Herzen gewonnen. Romeo is a Dead Man ist einfach nur fantastisch.

Artikelbilder: ©Grasshopper Manufacture

Fazit

Romeo is a Dead Man zeigt erneut, dass Grasshopper Manufacture einfach anders tickt. Wer Fan dieses Andersseins ist, wird das Spiel nicht nur mögen, sondern lieben. Wer dieses Anderssein noch nicht kennt, sollte diesem definitiv eine Chance geben. Denn trotz einiger etwas unkreativer Dungeons und fragwürdiger Designentscheidungen im Levelaufbau glänzt Romeo is a Dead Man durch eine fantastische Story, ein rasant-blutiges Action-Gameplay und großartige Charaktere, die für immer in Erinnerung bleiben werden.
Romeo is a Dead Man zeigt erneut, dass Grasshopper Manufacture einfach anders tickt. Wer Fan dieses Andersseins ist, wird das Spiel nicht nur mögen, sondern lieben. Wer dieses Anderssein noch nicht kennt, sollte diesem definitiv eine Chance geben. Denn trotz einiger etwas unkreativer Dungeons und fragwürdiger Designentscheidungen im Levelaufbau glänzt Romeo is a Dead Man durch eine fantastische Story, ein rasant-blutiges Action-Gameplay und großartige Charaktere, die für immer in Erinnerung bleiben werden.Test: Romeo is a Dead Man