Test

Dying Light 2 Stay Human

Wenn Mirrors Edge auf The Walking Dead trifft… ganz so einfach lässt sich das Zombie-Sequel Dying Light 2 von der polnischen Spieleschmiede Techland natürlich nicht beschreiben, das Grundkonzept des düsteren Actiontitels dürfte damit aber direkt klar sein: Ihr lauft, klettert und kloppt euch auf stylische Weise durch eine postapokalyptische Spielwelt – natürlich immer mit massig Untoten im Nacken! Doch Dying Light 2 hat weit mehr zu bieten als abgeschlagene Köpfe, rasante Hindernisläufe oder abgedroschene Endzeit-Geschichten. Warum uns Dying Light 2 so in seinen Bann ziehen konnte und vielleicht sogar ein bisschen überrascht hat, lest ihr in unserer Review.

Große und kleine Schicksalsschläge

Mehrere Jahrzehnte sind vergangen seit der tödliche Harran-Virus die Menschheit infiziert und einen Großteil von ihnen in willenlose Zombies verwandelt hat. Diejenigen unter ihnen, die der Seuche entkommen konnten, flüchteten sich in die letzten noch bestehenden Siedlungen und kämpfen dort tagtäglich ums Überleben. In der Haut von Pilger Aiden Campbell treffen wir auf eine dieser letzten Bastionen, “The City” genannt. Auf der verzweifelten Suche nach seiner Schwester Mia muss der Neuankömmling alsbald feststellen, dass die Infizierten nicht einmal das größte Problem der Überlebenden sind…

Dying Light 2 ist 15 Jahre nach dem Serienerstling angesiedelt und erzählt die Geschichte einer neuen Zivilisation, ohne technologischen Fortschritt und ohne ihre zahlenmäßige Überlegenheit. Dabei fokussiert sich das Spiel keineswegs nur auf die Geschichte unseres rastlosen Protagonisten, sondern öffnet den Blick vielmehr auf zahlreiche Einzelschicksale und Perspektiven. Auf seiner holprigen Reise trifft Aiden sowohl auf die kaltblütigen Peacekeeper – ein Zusammenschluss aus ehemaligen Soldaten und Polizisten – als auch auf die freigeistigen Survivor, ihres Zeichens Zivilisten, die sich ein neues Leben aufbauen wollen. Was hier vielleicht zunächst wie simples Schwarz-Weiß-Denken anmutet, ist in der Praxis doch deutlich komplexer: Obwohl die Peacekeeper ihre konservative Vorstellung von Recht und Ordnung merklich aggressiv durchsetzen wollen, sind deren Anhänger jedoch keineswegs per se schlecht. Vielmehr versucht Dying Light 2 immer wieder auch hinter die Fassaden zu blicken, euch neue Perspektiven zu eröffnen und jedem Charakter gleich mehrere Facetten mitzugeben. Das gelingt bisweilen mal mehr, mal weniger gut – dafür haben wir nahezu permanent das Gefühl, das hinter einer jeden Situation auch mal mehr stecken könnte, als es vielleicht zunächst den Anschein hat. Und das kommt ganz besonders bei den moralischen Entscheidungen zu tragen, die ihr im Verlauf der Haupthandlung treffen müsst. Häufig genug steht ihr vor einem moralischen Dilemma, mit dem ihr den Fortgang einer Mission beeinflussen könnt. Wollt ihr einem alten Freund die letzte Ehre erweisen oder doch lieber fliehen, um eurem Ziel einen Schritt näher zu kommen? Werdet ihr die mordenden Banditen direkt zur Strecke bringen oder gebt ihr ihnen die Chance sich zu rechtfertigen und euch womöglich auszutricksen? Je nachdem wie ihr euch entscheidet, kann sich eine Mission stark verkürzen oder gar verändern – mehrere Spieldurchläufe dürften für den ein oder anderen Completionist unter uns also durchaus lohnend sein.

Pfui Technik

Dying Light 2 sieht trotz der vielen widerlichen Visagen und blutigen Leichenteile atemberaubend gut aus. Die Kulissen strotzen nur so vor Details, die Mimik von wichtigen Nebencharakteren lassen schon kleinste Emotionen erkennen und auch die Charakteranimationen machen einen durchweg guten Eindruck. Sehen wir einmal von einigen dynamischen Elementen wie Gräsern, Bäumen und Co. ab, die bei genauerer Betrachtung mindestens so abschreckend sind wie die Untoten selbst, hat der Actiontitel grafisch durchaus einiges zu bieten. Gerade die verschiedenen Lichtstimmungen während der Tageszeitwechsel sind stimmungsvoll in Szene gesetzt und tragen viel zur beklemmenden Atmosphäre bei.

Leider hat dies aber auch so seine Schattenseiten. Abgesehen von einigen Framerateeinbrüchen hatte das Spiel zum Zeitpunkt des Tests mit gravierenden Problemen auf technischer Seite zu kämpfen. Nicht gerade selten ist der Titel ohne ersichtlichen Grund vollständig abgestürzt, einige weitere Male haben Bugs den Questfortschritt blockiert und ganz im Allgemeinen scheint Clipping kein großes Thema für Techland gewesen zu sein. Ob ein Day-One-Patch all diese Fehler direkt zum Start adressieren kann, bleibt aber anzuzweifeln. Stellt euch lieber schon darauf ein, den Titel im Zweifel einmal mehr manuell neustarten zu müssen. All diese Probleme lassen sich in einem solch opulenten Open-World-Spiel aber letztlich noch gut verschmerzen (allem voran dann, wenn man noch den desaströsen Zustand von “Fallout 76” in Erinnerung hat).

Was Dying Light 2 aktuell fast schon das Genick brechen könnte, ist allerdings ein Spielfehler, der zu häufig auftritt und zu invasiv ins Gameplay einschneidet, um ihn vollends ignorieren zu können. So bleibt ihr wiederholt an Wänden, Büschen oder sogar einfach am glatten Boden hängen und könnt euch für einige langwierige Sekunden gar nicht erst von der Stelle bewegen. Was beim ersten Mal vielleicht noch lustig klingt, ist in einem Spiel mit elementarem Parkour-Fokus mehr als ungünstig und in Story-Missionen, in denen ihr vor hulk-ähnlichen Mutanten wegrennen müsst, einfach nur ein Showstopper. Wir sind hier einmal vorsichtig optimistisch, dass Techland diesen “Fauxpas” zum Release bereits identifizieren und beheben wird.

Modernes Mittelalter

Die Spielwelt von Dying Light 2 ist nur so vollgestopft von Details, Hintergrundinfos und Schicksalen. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, zu erkunden oder zu unternehmen – mal sehr subtil und mal schon deutlich aufmerksamkeitsstärker. Techland erschafft hier nicht nur authentische Charaktere, sondern eine ebenso lebendige und glaubwürdige Open World. Während ihr auf dem Dach launigen Gesprächen über Bienen lauschen könnt, bestattet in der anderen Ecke eine kleine Gruppe NPCs einen ihrer Kameraden und selbst Gebäude erzählen hier lautlos ihre Geschichten. Nimmt man sich nur einmal ein bisschen Zeit und schaut sich seine Umgebung ganz genau an, sieht man schnell wie liebevoll und detailverliebt hier zu Werke gegangen ist. Windmühlen sind mühsam aus vielen Einzelteilen sowie Blechplatten zusammengeschustert, der Basar besitzt eine eigene kleine Schenke, an der sich die Bauern nach ihrer harten Arbeit tummeln und in den U-Bahntunneln der Peackeeper hält sogar ein Hausmeister Sauberkeit und Ordnung in den untersten Ebenen. Techland legt gerade an größeren Ortschaften aber auch immer wieder an unscheinbareren Questzielen besonderen Wert auf Environmental Storytelling – und das ist unfassbar sympathisch und befriedigend. Da ist es auch absolut verschmerzbar, dass Häuser in der Umgebung leider noch zu oft reine Fassaden sind, mit denen ihr nicht interagieren könnt und ein Großteil der Türen in Gebäuden nur der Zierde dienen. Störfaktoren wie beispielsweise Ladebildschirme findet ihr derweil kaum, das Studio schafft eine Melli h immersive und homogene Sandbox.

Demgegenüber krankt Techlands Spielwiese allerdings an Open-World-typischen Symptomen: Eure Karte ist noch und nöcher vollgeballert mit allerlei kunterbunten Icons, während viele der Aktivitäten schlicht repetitiv und belanglos ausfallen. Ob ihr nun Hindernisparcours auf den Dächern ablauft, Militärtransporter durchsucht oder des Nachts in Infiziertenverstecke eindringt – einige Nebenbeschäftigungen wollen sich nicht so recht ins Setting einfügen und wirken wie billige Arbeitsbeschäftigungsmaßnahmen. Ergänzt werden diese durch Ubisofts umstrittenes Open World Einmaleins: Neben den erklimmbaren Türmen, die euch die Karte freilegen, feiern auch feindliche Außenposten ein nicht ganz so willkommenes Wiedersehen. Man macht keineswegs einen Hehl daraus, sich großzügig an den Assassin’s Creeds und Far Crys dieser Welt inspiriert zu haben. Glücklicherweise grenzen sich Aidens Haupt- sowie Nebenquests qualitativ deutlich von diesen Aktivitäten ab. Mit wenigen Ausnahmen werden hier emotionale, aber durchaus auch subtile bis hin zu schwarz-humorige Geschichten erzählt, die uns gut zu unterhalten wussten. Wer dem typischen Open-World-Schema längst überdrüssig ist, der kann sich guten Gewissens an der Kampagne entlang hangeln und sich die ein oder andere Sidequest genehmigen, ohne sich groß am Icon-Wirrwarr stören zu müssen.

Über die Dächer der Stadt

Wie schon sein direkter Vorgänger ist auch Dying Light 2 wieder ein bunter Mix aus rasanten Platforming-Passagen, Action-orientierten Kämpfen und dem freien Erkunden der offenen Spielwelt. Da ihr die Map fast ausschließlich per pedes bereist, werdet ihr zwangsläufig auch ausgiebigen Gebrauch vom Parcouring-System machen – denn die Zombies haben längst sämtliche Straßen für sich eingenommen, euer einziger Ausweg sind also die Dächer der Stadt. Via Knopfdruck kraxelt ihr eifrig Häuserwände, stillgelegte Fahrzeuge oder Laternenmaste empor, um den Horden in den Gassen zu entgehen. Obwohl ihr eigentlich immer massig Aufgänge und Anhöhen vorfindet, gestaltet sich das Klettern bisweilen leider etwas ungenau und hakelig. Hin und wieder hängt ihr an Vorsprüngen und kommt nur schwerlich voran, ohne dass wirklich ersichtlich ist, warum es hier gerade nicht weiter geht.

Das ist nicht zuletzt deshalb so schade, weil sich dank smart platzierter Gebäude, Rampen und Kräne stets ein guter Bewegungsflow einstellt, der euch das Gefühl vermittelt, ihr könntet ewig weiterrennen, ohne auch nur merkbar an Momentum zu verlieren – und das ist unsagbar befriedigend! Das Leveldesign zeigt sich durchdacht, die einzelnen Bauwerke greifen stimmig ineinander und motivieren enorm. The City wird zur großen Spielwiese, auf der ihr euch nach Herzenslust austoben könnt. Techland gibt euch zwar die nötigen Werkzeuge an die Hand, um ein möglichst flinker Runner zu werden, so simpel wie in Assassins Creed ist es dann aber zum Glück nicht. Ein falsch geschätzter Sprung oder ein schlecht getimter Knopfdruck und wir stürzen wir ein nasser Sack zu Boden, wo die ausgehungerten Zombies schon auf das nächste Frischfleisch warten. Seht ihr euch dann einmal direkt mit den Infizierten konfrontiert, heißt es draufloskloppen, was das Zeug hält! Denn auch im direkten Nahkampf schüttelt ihr natürlich eure flinken Movesets aus dem Ärmel. Ob gegen Banditen oder hirnlose Zombies – ihr blockt, springt, slidet und kontert, bis sich auch hier ein möglichst hohes Tempo aufbaut. Da Dying Light 2 vollständig auf Schusswaffen verzichtet und generell nur wenig Fernkampfwaffen in petto hat, kommen uns Aidens Akrobatik-Künste also gerade recht. Das Draufhauen mit Beilen, Äxten und Hämmern ist wuchtig, brutal und fühlt sich einfach wunderbar authentisch an. An dieser Stelle sei eine kleine Triggerwarnung angebracht: Der Gewaltgrad fällt überaus explizit aus. Nicht selten spritzt Blut inflationär über die Bildschirme, während ihr Köpfe oder Gliedmaßen von ihren rechtmäßigen Körpern trennt. Zwar ist die deutsche Version leicht entschärft und an einigen extremen Stellen geschnitten, groß bemerkbar macht sich das im Gesamten aber trotzdem nicht.

Dumm, dümmer, Zombies

Neue Moves wie Sprints, Slides oder Rollen lassen euch sogar noch mehr Geschwindigkeit aufbauen und geben euch das Gefühl nie zum Stillstand kommen zu müssen. Leider sind viele dieser Grundtechniken jedoch hinter einem Skillsystem versteckt, das nur sehr gemächlich in Gang kommt. Aiden hat nämlich jederzeit Zugriff auf zwei Fertigkeitenbäume: Einen für die Fortbewegung und einen für den Kampf. Durch Ausüben der jeweiligen Aktivitäten verdient ihr euch Skillpunkte, die ihr dann wiederum in den jeweiligen Baum investieren könnt. Zusätzlich könnt ihr GRE-Kanülen überall in der Spielwelt einsammeln, mit deren Hilfe ihr eure Ausdauer sowie Lebensleiste verbessert. Die neuen Fähigkeiten sind zwar durchaus nützlich, die Level Ups gehen aber nur sehr langsam vonstatten, sodass es durchaus eine ganze Weile dauern kann, bis ihr euch einen neuen Skill zulegen könnt. Hier fühlt es sich tatsächlich ein wenig so an, als ob Techland die Spielzeit bewusst streckt und uns zu belanglosen Open-World-Aktivitäten drängen möchte.

Was ihr demgegenüber immer zur Genüge habt, sind Waffen und Craftingmaterialien. Items dieser Art findet ihr haufenweise in jeder Mission, an jeder Truhe oder jedem Papiercontainer, an dem ihr vorbeikommt. Da eure Waffen stetig an Haltbarkeit verlieren, ist das vielleicht ganz praktisch – euer Inventar ist aber schon früh im Spiel so vollgestopft, dass das Warenmanagement unnötig erschwert wird. Ein weiteres Manko von Dying Light 2 ist wohl die Intelligenz eurer Gegner, die sich mit dem Untergang der Zivilisation offenbar gleich mit verabschiedet hat. Das macht sich allem voran in Schleichpassagen bemerkbar, in denen euch euer Gegenüber nicht mal wahrnimmt, obwohl ihr in direkter Sichtweite steht. Die Vielfalt an Gegnertypen kann sich hingegen definitiv sehen lassen: Von unbesiegbaren Schränken, über flinke Runner bis hin zu unheimlichen Mutanten ist eigentlich alles vertreten, dass uns den Angstschweiß ins Gesicht treiben könnte. Gerade der dynamische Tag-Nacht-Wechsel hat es uns hier angetan. Die Spielwelt verändert sich nämlich je nach Sonnenstand deutlich, ebenso wie das Gefahrenlevel. Während am Tag beispielsweise nur wenige Infizierte unterwegs sind und sich eher in dunklen Gebäuden verstecken, müsst ihr des Nachts mit gefährlicheren Kreaturen auf den Straßen rechnen. Hier heißt es Vorsicht walten lassen, denn sonst lauert ganz schnell der Bildschirmtod. Generell spielt Dying Light 2 zuhauf mit eurer Angst und Unsicherheit. Die Stadt fühlt sich trotz diverser Safe Spaces zu jeder Tages- oder Nachtzeit bedrohlich an und ihr neigt rasch dazu, stets die nächste große Gefahr zu erwarten. Hier erschafft das polnische Studio sicherlich eine wunderbar immersive und stimmige Spielwelt, die den/die Spieler*in nur schwerlich loslässt. Da kommt es euch nur zugute, dass Dying Light 2 vollständig im Koop mit einem/einer Freund*in spielbar ist. Leider stand uns der Online-Multiplayer in unserer Testversion noch nicht zur Verfügung, sodass wir zur Stabilität keinerlei Aussage treffen können. Wir sind aber positiver Dinge, dass das Feature ähnlich wie im Erstling eine passende Ergänzung und Hilfestellung für unerfahrene SpielerInnen sein kann.

Fazit

Okay, zugegeben - Dying Light 2 sieht zunächst vielleicht aus wie das nächste generische Open-World-Spiel mit Zombie-Thematik, das dazu verdammt ist auf dem Pile of Shame vieler Spieler*innen zu landen. Und das völlig zu Unrecht, denn Techlands Sequel gelingt es allem voran mit seiner atmosphärischen Spielwelt und dem mindestens genauso spaßigen Gameplay-Mix aus der Masse seiner Genre-Kollegen herauszustechen. Während verstörende Zombie-Horden auf der einen Seite nach Blut ächzen, finden wir spielende Kinder und blühende Blumengärten auf der anderen Seite. Techland gelingt es stilsicher ein immersives und stimmiges Bild einer Postapokalypse zu kreieren, dass gleichzeitig so düster und dreckig aber eben auch Hoffnungsträger sein kann. Die heruntergekommene Open-World-Metropole hat viele kleine sowie größere Geschichten zu erzählen, denen wir nur allzu gerne auch abseits des Weges gelauscht haben. Natürlich krankt auch Techlands Vision einer offenen Spielewelt an so manch altbekannten Problemen: Bugs, Spielabstürze und das obligatorische Icon-Wirrwarr sind Themen, die man als Genre-Fan wohl mittlerweile zur Genüge kennt. Nichtsdestotrotz bleibt unterm Strich ein spaßiges und immersives Zombie-Abenteuer, dass unser Adrenalinlevel nicht nur einmal in ungeahnte Höhe zu treiben vermochte.

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