TEST

Judgment

Präsentation
8
Spieldesign
8
Atmosphäre/Story
8
Balance
7
Umfang
9

Kaum hat die einstige japanexklusive Spiele-Reihe Yakuza ihren Weg in den Westen gefunden und erfreut sich auch in hiesigen Gefilden großer Beliebtheit, legt Entwickler Ryu Ga Gotoku mit einer ganz neuen IP nach. Judgment heißt das neueste Projekt der Yakuza-Macher, das zwar auf altbewährte Mechaniken setzt, dem Genre aber gleichsam einen ganz neuen Anstrich verpassen soll. Was uns an dem eigensinnigen und skurrilen Actionspiel so sehr begeistert hat, verraten wir in unserer Review.

Ein Detektiv in der Yakuza-Hölle

Judgment (im Original Judged Eyes) ist im Herzen ein Standalone-Spin-Off des populären Yakuza-Franchises, das spielerisch und inhaltlich vollkommen autark funktioniert.
Anders als in der über ein Dutzend Teile umfassenden Ursprungsserie, schlüpfen wir nicht in die Rolle eines der Mitglieder der fernöstlichen Mafia, sondern in die Haut von Takayuki Yagami, seines Zeichens Detektiv. Der einstiege Anwalt hängte seinen Job nach einem folgeschweren Vorfall an den Nagel und arbeitet seither für wechselnde Mandanten im Entertainment-District Kamurocho.
Als eine Reihe brutaler Serienmorde den Stadtteil in seinen Grundfesten erschüttert, sieht sich unser Protagonist plötzlich im Mittelpunkt der Geschehnisse. Seine Ermittlungen führen ihn immer tiefer in die dunkelsten Ecken von Kamurocho und damit gleichzeitig ins Fadenkreuz gefährlicher Akteure.

Das klingt einen Ticken zu überdramatisiert? Keineswegs, denn die Entwicklerschmiede zieht tatsächlich alle Register der japanischen Erzählkunst, um eine filmreife, wenn auch etwas hanebüchene Geschichte zu inszenieren. Judgment erzählt ähnlich wie seine direkten Vorgänger eine fesselnde und vor allem facettenreiche Story, die zwar nur wenige Plottwists und Überraschungen zu bieten hat, dafür aber viele verschiedenartige Perspektiven in den Fokus rückt. Dennoch ist der Tonus des Spiels weitaus düsterer und bedrückender als man es aus Yakuza gewohnt ist. So stellt das Spiel Morde doch gänzlich ungeniert zur Schau und zeigt die menschlichen Abgründe hinter diesen Gewalttaten aus einem völlig anderen Blickwinkel, als es noch die Gewalt-relativierenden Yakuza taten.
Gerade dieser – wenn auch nur minimale – Perspektivwechsel verleiht der Geschichte einen frischen Anstrich und löst das Studio Ryu Ga Gotoku aus seiner langjährigen Verankerung mit der Yakuza heraus.

Eine 180 Grad-Wende legt Judgment dann aber natürlich nicht hin: Denn obwohl Takayuki keinen direkten Bezug zur Yakuza hat, ergeben sich zahlreiche Berührpunkte und allem voran Auseinandersetzungen mit der kriminellen Organisation. Schlägereien sind daher einmal mehr ein essentieller Bestandteil des Spielsystems und erinnern stark an die Yakuza-Vorlage. Als kampferprobter Takayuki müsst ihr immer wieder gegen Schläggertrupps, Kriminelle und sogar Bosse antreten, die euch das Leben nur allzu schwer machen.
Dabei kann unser Protagonist im Wesentlichen auf zwei verschiedene Kampfstile zurückgreifen: Der stärkere Tiger-Stil ist vor allem in Duellen einzusetzen, während sich der schnelle Kranich-Stil gegen große Gruppen von Gegnern eignet. Das System ist zwar recht einsteigerfreundlich und geht flott sowie intuitiv von der Hand, die vielen erlernbaren Kombos und Manöver bieten dann aber auch genügend Komplexität für Veteranen.

Und abseits der Kämpfe?

Ganz im Zeichen der Yakuza-Reihe werden Kampfsituationen fast schon inflationär eingesetzt, was nie so recht zu Taks eigentlichem Detektiv-Image passen will. Sein Dasein als Ermittler schafft aber glücklicherweise auch Raum für einige frische Gameplaymechaniken und -experimente. So wird Tak je nach Fall Verfolgungsjagden nachgehen und Beschattungen durchführen. Während ersteres größtenteils über QTEs sowie selbstablaufende Sequenzen abgewickelt wird und tatsächlich schön anzusehen ist, fühlt sich letzteres leider immer wie mühsame Fleißarbeit an. In dedizierten Stealth-Sequenzen werdet ihr dazu angewiesen, einer bestimmten Person unbemerkt durch die Stadt zu folgen. Immer wieder dreht sich diese jedoch um oder bleibt unvermittelt stehen, um seinen Verfolger aufzuspüren. Nur gut also, dass Straßenschilder und PKWs als Verstecke ausreichen, um uns aus dem Gedächtnis unserer Zielperson zu löschen und so das alberne Spielchen fortzusetzen. Generell wirken diese Passagen wenig sinnvoll ins Spiel integriert und fallen viel zu simpel aus. Dass ihr erwischt werdet, passiert so gut wie nie. Solltet ihr dann aber doch einmal das Pech haben, dürft ihr den gesamten Spielabschnitt natürlich nochmals wiederholen.

Abseits dieser etwas drögen Missionen, gilt es für unseren Ermittler Untersuchungen an Tatorten durchzuführen, um so in den Besitz neuer Hinweise zu gelangen. Dies geschieht vornehmlich via First-Person-View, in der ihr in bester Point&Click-Manier Gegenstände in eurer Umgebung mittels Tastendruck genauer unter die Lupe nehmt. Für schwer erreichbare Orte greift Tak zudem auf eine Drohne zurück, die Zielpersonen auch in größeren Höhen ausfindig machen kann.

Zu guter Letzt muss sich unser Alter-Ego natürlich auch in Verhören unter Beweis stellen. Dabei gilt es aus einer Reihe an Dialogoptionen die richtigen Antworten auszuwählen und unserem Gegenüber neue Hinweise zu entlocken. Für die richtigen Optionen erhaltet ihr Extrapunkte, die direkt in Taks Skilltrees fließen. Ab und an müsst ihr zudem die richtigen Beweise aus eurem Repertoire vorlegen, um euren Gegenüber von euren Theorien zu überzeugen oder ihn in die Enge zu treiben.
So sehr die vielseitigen Dialoge das Geschehen auch auflockern, an den Anspruch eines LA Noire oder Pheonix Wright kommen sie allerdings nie wirklich heran. Eine nette Abwechslung in Taks nur allzu actiongeladenem Deketktivalltag sind diese aber allemal.

Entdecke die Welt von Kamurocho

Dreh- und Angelpunkt von Judgment ist erneut der beliebte Stadtbezirk Kamurocho, der in seinen Grundzügen fast vollständig aus Yakuza 6: Song of Life entnommen wurde. Abgesehen von einigen wenigen Optimierungen, besucht ihr im Prinzip dieselbe Stadt mit den gleichen Assets und Strukturen. Kenner der Yakuza-Reihe werden sich direkt heimisch fühlen, wenngleich eine gänzlich neue Umgebung sicherlich auch seine Vorzüge gehabt hätte. Die Entscheidung hin zu Altbekanntem ist aber keineswegs eine Sackgasse, vielmehr nutzt Entwickler Ryu Ga Gotoku die bestehende Open-World um noch mehr aberwitzige und unterhaltsame Nebenaktivitäten anzubieten. So kann unser Protagonist den neuen Zombie-Railshooter Kamurocho of the Dead spielen, Drohnenrennen absolvieren oder sich im Mario-Party-ähnlichem VR-Brettspiel Dice and Cube vergnügen. Die Vollversionen von Puyo Puyo und Virtua Fighter 5: Final Showdown sind zudem ebenso wieder mit an Bord wie die stilechten Gachapon Automaten und UFO Catcher. Abseits der Game Center kann Tak auf ausgiebige Shoppingtouren gehen, sich an Glücksspielen versuchen oder von den zahlreichen heimischen Gerichten in Restaurants und Bars kosten. Jede der Aktionen wird dank Taks Smartphone App Kamurocho GO sogar mit Erfahrungspunkten belohnt, die ihr sogleich in einen von drei Skilltrees investieren könnt. Neben neuen Kampffertigkeiten und Kombos erhaltet ihr so auch Zugriff auf bessere Trinkfestigkeit oder Detektivfähigkeiten.

Zudem ist es ab sofort möglich Freundschaften mit Einwohnern von Kamurocho zu schließen und so euren Ruf in der Stadt zu verbessern. Ein verbesserter Ruf bedeutet nicht nur Zugriff auf noch mehr Nebenmissionen, sondern auch neue Aktionen und Kombo-Moves im Kampf. Und selbst hier ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Ähnlich wie in den populären Vorgängern warten wieder unzählige Substories auf euch, die an Einfallsreichtum und Skurrilität kaum zu übertreffen sind. So staunten wir beispielsweise nicht schlecht, als Tak plötzlich einen Strafprozess um ein verschwundenes Küchlein führen musste oder der Perücke eines glatzköpfigen Fernsehstars in einer actiongeladenen Verfolgungsjagd durch die ganze Stadt nachhechtete.

Neben vielen ernsten Themen, lockert Judgment das Geschehen immer wieder mit skurrilen und abgedrehten Momenten auf. Der japanische Humor sorgt bei Fans sicherlich wiederholt für kleine Schmunzler, ist für Neulinge, die keinerlei Berührpunkte mit der japanischen Kultur haben, aber mindestens genauso schwer zugänglich. Auf Spieler ohne Affinität zum Medium könnte die unkonventionelle Aufmachung durchaus befremdlich wirken, einmal darauf eingelassen, macht aber eben genau das den Charme der Serie aus.

Des Englischen mächtig

Technisch ist Judgment sehr sauber konstruiert, wenngleich einige Framerateeinbrüche und Freezes unmittelbar vor Cutscenes sowie gescripteten Sequenzen negativ ins Gewicht fallen. Abseits solcher verschmerzbaren Patzer läuft das Spiel aber weitestgehend flüssig und erzeugt gerade in der neonbeleuchteten Nacht eine intensive Lichtstimmung. Die aufwändig digitalisierten Hauptfiguren überzeugen durch ihre realistische Mimik und ihren Detailreichtum, während einige der Randfiguren und Statisten im direkten Vergleich leider etwas zu kurz kommen.

Erstmals in der Geschichte der Yakuza-Spiele können sich Fans zudem über eine vollsynchronisierte englische Version freuen: Wo Spieler einst nur mit einer japanischen Vertonung und englischen Texten vorlieb nehmen mussten, kann nun optional englische Sprache mit deutschen Untertiteln dazugeschaltet werden. Obwohl die neue Synchronfassung einen durchweg guten Eindruck macht, trägt die Originalversion doch einen Großteil zum japanischen Flair bei und war zumindest in unserem Spieldurchgang die erste Wahl.

Meinung

Judgment ist ein spannendes Detektiv-Abenteuer, das ganz auf den Pfaden der Yakuza-Reihe wandelt. Die neuen Charaktere sind durchweg sympathisch, während die Geschichte ein motivierendes Pacing an den Tag legt. Dank der neuen Spielmechaniken hält ein frischer Wind in Kamurocho Einzug, der Yakuza-Fans die Rückkehr nach Shinjuku nochmals versüßt. Im direkten Vergleich mit Staranwalt Phoenix Wright zieht der japanische Detektiv allerdings den Kürzeren. Einen allzu großen Anspruch hegt das Spiel nämlich nie, verzwickte Fälle suchten wir vergebens. Eine englische Sprachausgabe, eine komplett autarke Storyline und der zugängliche Schwierigkeitsgrad machen den Titel gerade für Neulinge zu einem gelungenen Einstiegspunkt, der wunderbar zeigt, was für Spiele die Jungs und Mädels des Ryu Ga Gotoku Studios auf die Beine stellen können.

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