TEST

Marvel’s Guardians of the Galaxy

Mit dem katastrophalen Release von Marvels Avengers im letzten Jahr und der fragwürdigen Preispolitik im Post-Release-Zeitraum hat Square Enix der Marvel Lizenz offensichtlich keinen Gefallen getan. Viel schlimmer noch: Der Game-as-a-Service-Titel dürfte aus Sicht vieler SpielerInnen ein neues Tief für die IP im Videospielbereich markieren – der japanische Publisher hat nun bei den enttäuschten Comic-Fans einiges wieder gutzumachen. Dass Square Enix genau das mit dem Singleplayer-Nachfolgetitel Guardians of the Galaxy gelingt, haben aber vermutlich die Wenigstens erahnt. Wir sind nicht nur überrascht, sondern regelrecht begeistert von der Neuinterpretation des populären Comic-Quintetts und verraten euch in unserem Test, warum Marvels Guardians of the Galaxy womöglich ein heißer Kandidat für das Game of the Year sein dürfte.

Wiedergutmachung für Marvel-Fans

Marvels Guardians of the Galaxy ist wie schon Square Enix’ Avengers-Spiel im Jahr zuvor nicht im großen Marvel Cinematic Universe angesiedelt. Vielmehr orientiert sich die Spielumsetzung an der originären Comic-Vorlage und bringt damit auch einige inhaltliche Anpassungen mit sich. Heißt: Alteingesessene MCU-Fans müssen sich wohl oder übel an neue Gesichter, Synchronstimmen und sogar einige alternative Interpretationen von Geschehnissen gewöhnen. Auf ihren ersten Missionen trifft unser Quintett aber glücklicherweise viele bekannte Figuren und rekapituliert die ein oder andere Hintergrundgeschichte, sodass auch Comic-Neulinge schnell Anschluss finden werden. Betrachtet man die Spielumsetzung einmal losgelöst von dem Blockbuster-Kinouniversum, wird aber schnell deutlich, dass sich die AAA-Produktion keinesfalls vor seinem großen Bruder verstecken muss.

Die Geschichte des Spiels startet zwar an einem Punkt, an dem unsere fünf Reken bereits gemeinsam als Guardian of the Galaxy geeint sind, das Team ist jedoch noch blutjung und im Begriff als Einheit zusammenzuwachsen – häufige Sticheleien und kleinere Kabbeleien gehören da zur Tagesordnung. Während wir also in der Rolle von Peter Quill alias Starlord unsere ersten gemeinsamen Missionen absolvieren, stolpern wir einmal mehr unwissend in eine Galaxyweite Verschwörung, die schon bald droht das gesamte Leben zu vernichten. Guardians of the Galaxy ist anders als sein Avengers-Pendants im Vorjahr als reines Singleplayer-Spiel konzipiert und als solches steht seine Geschichte und die Inszenierung ganz klar im Fokus.

Das Story-getriebene Abenteuer erlaubt zwar nur wenig spielerische Freiheiten, aber gerade diese strikte Linearität schafft ein wunderbar gelungenes Pacing. Die vielen Actionsequenzen werden immer wieder gekonnt von ruhigeren Passagen abgelöst, die erfrischenderweise die Gefühlslage unserer Helden offenlegen. Die einzelnen Kapitel sind zudem nie zu lang, durchweg spannend inszeniert und großartig geschrieben. Ohne uns nun im Spoiler-Territorium zu verlieren, sei gesagt: Das Storytelling wird der renommierten Vorlage absolut gerecht, verzichtet auf große Längen und weiß über gut 15 Spielstunden bestens zu unterhalten. Anstelle von billigem Popcornkino und der Aneinanderreihung von sinnlosen Actionsequenzen scheint Eidos Montreal genau zu wissen, was die Marke ausmacht: eine Mischung aus 80er Charme, sympathischen Charakteren, einer Menge Augenzwinkern und natürlich eine absolut überzeichnete Heldengeschichte.

Gruppenchaos vom Feinsten

Das große Highlight der Kampagne sind aber nicht etwa die vielen brachialen Missionen, sondern unsere fünf Weltraumhelden selbst – insbesondere in Sachen Charakterdesign und -darstellung hat sich die Spieleschmiede nämlich einmal mehr übertroffen. Jeder der Charaktere wirkt detailliert ausgearbeitet, lebendig und nicht zuletzt ursympatisch. Ob Rocket mit seinem scharfsinnigen Sarkasmus, Groot mit seiner grenzenlosen Naivität, die verbitterte Gamora oder der leichtgläubige und konservative Drex – jeder der ProtagonistInnen wurde gemäß der Comic-Vorlage wunderbar eingefangen und in Szene gesetzt.

Bis ihr das Ende des Spiels gesehen habt, flimmern gut und gerne aberhunderte Dialogzeilen über euren Bildschirm, denn eure Wächter sind pausenlos am Quasseln. Sei es mitten auf einer Mission, im Rahmen von versteckten Ladezeiten oder einfach als Idle-Animation und Lückenfüller. Das ununterbrochene Gerede mag den/die ein oder andere/n SpielerIn womöglich abschrecken, trifft aber dennoch genau den richtigen Ton. Rocket, Drex und Co. reagieren, agieren und kommentieren als gäbe es keinen Morgen mehr. Ein Beispiel: Verlasst ihr den vorgesehenen Hauptpfad eurer Mission, um nach optionalen Wegen Ausschau zu halten, wird das direkt von Gamorra in einem schnippischen Kommentar aufgegriffen – ja sie macht sich sogar darüber lustig, solltet ihr einmal nicht fündig werden. An anderer Stelle weigert sich Rocket plötzlich euren Eingaben Folge zu leisten und muss erst unter mehrmaligem Betteln dazu überredet werden, seine Fähigkeiten einzusetzen. Eidos erschafft mit dem ständigen Kommentieren von Ereignissen dynamischer Gesprächssituationen und eine wunderbare Gruppendynamik, die herrlich erfrischend und lebendig daherkommt. Auch wenn nicht alle Gags und Anspielungen immer gleich ins Schwarze treffen, sympathisch ist die Chaostruppe allemal.

Wenn die 80er rufen…

So gelungen die Kampagne und ihre Inszenierung auch ausfällt, so mittelmäßig zeigt sich leider auch der spielerische Part. In jedem der gut 17 Kapitel dürft ihr kleinere Plattforming-Einlagen absolvieren und ebenso simple Umgebungsrätsel lösen. Per Knopfdruck könnt ihr so beispielsweise zwischen Peters Elementarwaffen wechseln, die an dafür vorgesehenen Stellen spezielle Auswirkungen auf eure Umgebung haben. Sein Hitzeschuss schmilzt mitunter ganze Eisblöcke, die euch den Weg versperren, während ihr mit seinem Eisstrahl Wasser zu Plattformen gefriert. Darüber hinausbringen aber natürlich auch eure BegleiterInnen die ein oder andere nützliche Fähigkeit mit, die ihr jederzeit über ein Auswahlmenü aktivieren könnt. Während Gomorra beispielsweise Wildpflanzen zerschneidet, kann Groot Brücken aus dem Nichts erschaffen oder Rocket Terminals hacken.

Allzu große Kopfnüsse oder knifflige Geschicklichkeitseinlagen bleiben de facto aber aus: Das Gameplay beschränkt sich eher auf seichte Herausforderungen, die euch aus Mangel an Optionen nie besonders viel abverlangen, dank der stetigen Interaktion mit euren Crewmitgliedern aber dennoch gut zu unterhalten wissen. Apropos BegleiterInnen: Obwohl euch eure Crew fast im kompletten Abenteuer zur Seite steht, übernehmt ihr immer nur die direkte Kontrolle über Starlord selbst. Alle anderen Guardians können von euch lediglich über ein Radialmenü kommandiert werden.

In den zahlreichen Auseinandersetzungen, die ihr im Laufe der Kampagne bestreitet, heißt es also ran an die Waffen und drauflosgeballert! Das Prinzip ist auch hier recht simpel: In rudimentärer Third-Person-Shooter-Manier schießt ihr alles ab, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dank des automatischen Lock-On-Systems müsst ihr dafür aber nicht mal selbst zielen – die Schießübungen stellen weniger eine spielerische Herausforderung dar als mehr ein optisches Actionfeuerwerk. An jeder Ecke explodiert, zerberstet oder fliegt etwas brachial in die Luft. Und sind es nicht die zahlreichen Gegnertypen, die bisweilen ganz individuelle Schwachstellen mitbringen, dann sorgen eure Kumpanen für das nötige Effektgewitter. Jeder Guardian verfügt nämlich über vier unterschiedliche Fertigkeiten, die ihr nach und nach mit verdienten Skillpunkten freischalten könnt. Einen umfangreichen Skilltree gibt es übrigens ebensowenig wie eine große Auswahl an Collectibles. Habt ihr einmal alle 20 Fähigkeiten freigeschaltet – und das passiert unvermeidlich im letzten Drittel der Kampagne – entfällt das Fortschrittssystem komplett. Eine insgesamt eher halbgare Lösung, bei der wir uns mehr Tiefgang und Langlebigkeit gewünscht hätten. Die Planeten und Raumschiffe, auf denen ihr landet, sind zudem durchweg linear aufgebaut. Nur eine Handvoll kleinerer Abzweigungen führt hin und wieder zu frischen Skins oder neuen Items für eure Sammlung. Das komplette Spiel wandelt ihr also auf vorgefertigten Pfaden, ohne große Möglichkeiten davon abzuweichen. Nebst Peters Elementarschüssen kann auch er vier weitere Spezialangriffe vom Zaun brechen, die noch ergänzend zum Angriffsportfolio der Guardians hinzukommen. Das Ergebnis ist häufig genug ein undurchsichtiges Wirrwarr an allen möglichen Spezialeffekten, das nur noch durch die überladene Steuerung getoppt wird. Wer hat denn bitte entschieden, dass es sinnvoll sei, Peters Spezialangriffe in den ohnehin schon hektischen Gefechten auf L1 + L3 zu legen? Von ungünstigen Doppelbelegungen ganz zu schweigen.

Doch so unübersichtlich das Kampfesgeschehen auch ausfällt, so befriedigend und motivierend ist das System gleichermaßen. Wenn ihr reihenweise Gegner umnietet, alles um euch herum Funken sprüht und beste 80er Musik aus euren Lautsprechern dröhnt, dann spielt Guardians of the Galaxy sein volles Potenzial aus. Und bei der Auswahl des Soundtracks hat sich Square Enix wahrlich nicht lumpen lassen: Neben einigen wirklich gelungenen Neuinterpretationen der fiktiven Band Starlord, die den Geist der 80er grandios einfangen, hat man sich dutzende an bekannten Klassikern des Jahrzehnts lizenziert. Wenn ihr einmal mehr ein großes Areal an Gegnern niederringt und dabei den motivierenden Tönen eines Final Countdowns lauscht, dann könnte Eidos Montreal kein besseres Gespür für Gamedesign und die Marke an sich beweisen.

Wenig zu meckern

Guardians of the Galaxy ist auch optisch ein wahrer Augenschmaus. Kunterbunte Kulissen, abwechslungsreiche Umgebungen und detaillierte Charaktermodelle machen eure Reise durch die Galaxis zu einem grafischen Highlight. Leider hat die aber auch so ihre Schattenseiten: Lange Ladezeiten bremsen immer wieder den Spielfluss aus, nachladende Texturen stören den sonst so schönen Weitblick und eine unausgeglichene Soundabmischung macht die vertonten Sequenzen bisweilen schwierig zu verfolgen. Hin und wieder werdet ihr zudem mit kleineren Bugs und Glitches konfrontiert, die aber glücklicherweise nie allzu große Auswirkungen auf euren Spielfortschritt nehmen. Mal müsst ihr euch mit festhängenden HUD-Elementen herumschlagen, mal werden Ereignisse nicht korrekt ausgelöst – alles aber keine Versäumnisse die kommenden Patches nicht beheben könnten. Ganz allgemein macht Guardians of the Galaxy einen technisch grundsoliden Eindruck.

Meinung

Square Enix und Eidos Montreal ist der Lizenz-Spagat gelungen, mit dem wohl die wenigsten gerechnet haben: Vom Flop des Jahres 2020 zum heißen GotY-Kandidaten in 2021. Mit einer gehörigen Portion Witz, Charme und jeder Menge 80er-Vibes hat Eidos Montreal ein Gespür für die Marke bewiesen und die Guardians vollends in unsere Herzen katapultiert. Nach dem Avengers-Fiasko im vergangenen Jahr ist das Singleplayer-Abenteuer ein absoluter Überraschungshit und die nötige Wiedergutmachung für geschundene Marvel-Seelen. Dank der glorreichen Musikauswahl, den liebenswerten Charakteren und der spannend inszenierten Story rund um fünf sympathische Chaoten ist Eidos Montreals Lizenzumsetzung eine absolut runde Sache geworden. Die Beziehungen der ProtagonistInnen wirken greifbar und echt, die Gruppendynamik ist bis ins Detail ausgearbeitet und die vielen eingestreuten Comic-Referenzen machen Lust auf mehr. Es ist eine wahre Freude euren Kumpanen beim Sticheln, streiten oder vertragen zuzuschauen und zu sehen wie sie immer weiter als Team zusammenwachsen. Die seichten und eher rudimentären Gefechte lassen zwar an Tiefgang und Übersicht vermissen, fallen aber dennoch arg motivierend aus. Auch kleinere technische Patzer können am großen Spielspaß wenig rütteln.
Präsentation
9
Spieldesign
7
Atmosphäre/Story
10
Balance
7
Umfang
8

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