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New Pokémon Snap

Pokémon fangen ist seit jeher das hehre Ziel eines jeden Pokémaniacs. In New Pokémon Snap verzichten wir dafür allerdings auf unsere liebgewonnenen Pokébälle und greifen stattdessen zur Digitalkamera. Wir haben uns in der kunterbunten Welt der Pokémon auf Fotosafari begeben und verraten euch, ob der Switch-Exklusivtitel in die großen Fußstapfen seines N64-Originals treten kann.

Auf Schienen durch die Lentil-Region

Mit Pokémon Snap veröffentlichte Nintendo 1999 (in Europa erst im Jahr 2000) ein etwas anderes Pokémon-Spin-Off, das noch Jahrzehnte später als Kult-Klassiker gelten sollte. Doch trotz seiner wachsenden Fangemeinde und steigenden Popularität dauerte es nunmehr 22 Jahre bis der N64-Exklusivtitel sein wohlverdientes Sequel spendiert bekommt. Im Nachfolgetitel New Pokémon Snap dürfen sich ab diesem April nämlich endlich auch Switch-Besitzer eine Digitalkamera umhängen und auf die Suche nach dem besten Schnappschuss gehen.

“Gehen” ist dabei aber wohl eher sinnbildlich gemeint, denn spielerisch bewegt sich New Pokémon Snap auf nur allzu bekannten Bahnen. Das Sequel bleibt dem 1999er Original weitestgehend treu und setzt erneut auf eine rudimentäre Railshooter-Mechanik. In der Rolle eines namenlosen Fotografen erkundet ihr die kunterbunte Welt der Pokémon und versucht so viele schöne Bilder von den freilebenden Rackern zu schießen wie möglich. Dabei bewegt ihr euch aber nicht etwa frei durch die verschiedenen Level, sondern fahrt auf vorgefertigten Schienen durch gescriptete 3D-Umgebungen. Während eurer 5- bis 10-minütigen Ausflüge könnt ihr euch zwar in alle Richtungen umsehen, aber nur bedingt Einfluss auf euer Fortbewegen nehmen. Dieses Konzept dürfte auf den ersten Blick etwas altbacken erscheinen, denn man mag sich mal vorstellen: Wie revolutionär wäre es, durch eine offene und organische Spielwelt zu schreiten, in der die artenreichen Taschenmonster ihren natürlichen Verhaltensweisen nachgehen?
Zumindest gameplayseitig macht der Railshooter-Ansatz aber durchaus Sinn: Nicht nur erleben wir eine gut durchinszenierte Schaufahrt mit zahlreichen Highlights, auch sorgt der zusätzliche Zeitdruck für eine willkommene Herausforderung. Trotz des aus heutiger Sicht etwas antiquierten Konzeptes weiß die Fotosafari nämlich über weite Strecken zu motivieren.

Trial & Error, wo man auch hinsieht

New Pokémon Snap ist allerdings kein allzu komplexes Spiel. Die Herausforderung liegt eher darin stets ein wachsames Auge zu behalten, geeignete Momente zu erkennen und den Finger zur rechten Zeit am Abzug zu haben. Um euren Ausflug etwas interaktiver zu gestalten, habt ihr die Möglichkeit eure Umgebung ein Stück weit zu manipulieren. Ähnlich wie im N64-Erstling könnt ihr eine Handvoll verschiedener Items einsetzen, um die Aufmerksamkeit der Taschenmonster auf euch zu lenken und ihnen so noch mehr niedlicher Animationen abzuverlangen. Ein Samtapfel ist für einige Pokémonarten beispielsweise ein gern gesehenes Leckerlie, während die Pokéflöte wiederum andere Spezies zum Tanzen animiert.

Gänzlich neu sind hingegen die sogenannten Lumina-Kugeln. Diese können Pokémon als auch spezielle Pflanzen in der Umgebung zum Leuchten bringen und so einige neue Sequenzen auslösen. Jedes der insgesamt 214 im Spiel abgebildeten Pokémon hat dabei vier unterschiedliche Animationen im Repertoire, von denen ihr in eurem sogenannten Fotodex jeweils ein Bild ablegen könnt. Allein das befeuert den Sammelwahn enorm und dürfte bei dem einen oder anderen Pokémon-Enthusiasten für funkelnde Augen sorgen. Die entsprechenden Posen aus den Taschenmonstern herauszukitzeln, erfordert bisweilen aber nicht nur ein geschicktes Händchen, sondern immer auch eine Prise Glück. Denn leider ist häufig genug nicht direkt ersichtlich, ob und wie ihr mit den Habitaten überhaupt interagieren könnt. Bevor ihr euren Fotodex also vervollständigt, werdet ihr wohl das ein oder andere Mal in stupides Trial and Error verfallen. Ein Beispiel: Während ein Bluebella an einer dedizierten Stelle auf eure Pokéflote reagiert, ignoriert es diese an anderer Stelle gekonnt.

Bisweilen kann diese augenscheinliche Willkür sogar euren Fortschritt beeinflussen: In einem Unterwasserabschnitt müsst ihr die Aquaknarre eines Wummers verstärken, indem ihr das Krebs-Pokemon vorher mit Lumina-Kugeln beschießt. Nur wenn ihr diese Aktion im richtigen Moment auslöst, kann das Wassertierchen Geröll aus dem Weg schaffen und euch so den nächsten Levelabschnitt freimachen. Dies zu erkennen, geschweige denn im richtigen Zeitfenster zu aktivieren, gestaltet sich nicht immer einfach. Ein neuer Scanner, mit dem ihr Pokémon in der Umgebung markieren und identifizieren könnt, erleichtert die Wimmelbild-Sucherei zumindest ein wenig.

Expedition bei Tag und Nacht

Hinter der kultigen Fotohatz steht zudem eine seichte Geschichte, die aber kaum der Rede wert ist: Als Gehilfe von Professor Mirror streift ihr durch die Lentil-Region, um ein mysteriöses Phänomen aufzuklären, das Pokémon zum Leuchten bringt. Während wir für ihn wertvolle Bilder dieser Ereignisse schießen, stattet er uns im Gegenzug mit entsprechendem Equipment aus – darunter auch das Gefährt “Neo-One”, das uns sicher durch die einzelnen Areale befördert. Die rund zehn Stunden lange Kampagne ist Pokémon-typisch kaum mehr als ein nettes Beiwerk und spielt in eurer Fotosafari keine nennenswerte Rolle. So uninspiriert und belanglos die Rahmenhandlung auch ausfällt, so schnell ist sie wieder vorbei und lässt euch mit massig Content zurück.

New Pokémon Snap bietet hierbei etwa ein Dutzend Level, die dank unterschiedlichster Kulissen recht abwechslungsreich ausfallen. Vom obligatorischen Dschungel über Vulkan-Gebirge bis hin zum beliebten Eiswüsten-Setting findet ein jeder Pokémon-Typ sein stimmiges Habitat. Da die einzelnen Schienenfahrten nur so mit Pokémon vollgestopft sind und damit überraschend ereignisreich ausfallen, kommt ihr nicht umhin jedes der Level mehrfach zu spielen. Schon allein dadurch ergibt sich ein beachtlicher Umfang, der sogar noch gesteigert wird: Jeder Abschnitt hat ein eigenes Fortschrittsystem. Habt ihr erst einmal genug Fotos geschossen und Punkte gesammelt, offenbaren sich auf jeder Strecke neue Taschenmonster und Ereignisse, die ihr ins Visier nehmen könnt. Bis ihr alle Pokémon vor die Linse bekommen habt, vergehen also gut und gerne dutzende an Spielstunden.

Einige Level schalten sogar alternative Routen mit völlig neuen Monstern frei. Allein daraus ergibt sich ein beachtlicher Wiederspielwert. Wirklich ermüdend wird die Fotojagd erst dann, wenn ihr sämtliche Level mehrfach abgegrast habt und die bedeutenden Neuerungen ausbleiben. Abseits davon verfügen die meisten Level über eine Tag- als auch eine Nachtvariante. Letztere überzeugen nicht nur durch ein atmosphärisches Lichterspiel, auch das Pokémon-Schauspiel drumherum ist gänzlich neu.
Ganz allgemein sieht New Pokémon Snap fantastisch aus und läuft auf Nintendos Hybridkonsole auch weitestgehend flüssig. Lang wurden unsere allerliebsten Taschenmonster nicht mehr so schön in Szene gesetzt. Sieht man einmal von einigen wenig störenden Clippingproblemen ab, haben wir hier mitunter eines unserer aktuell schönsten Pokémonspiele. On top wartet noch ein rudimentärer Bildbearbeitungsmodus auf euch, in dem ihr ausgewählte Fotos mit witzig bis albernen Filtern oder Stickern versehen könnt. Natürlich lassen sich eure Kreationen anschließend auch mit anderen Usern teilen, einen wirklichen Mehrwert bieten diese Online-Funktionen allerdings nicht.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Das große Highlight des Gameplay-Loops – zumindest sollten sie das sein – sind die Begegnung mit den Lumina-Pokémon. In diesen “Bosskämpfen” tretet ihr gegen ein transluzierendes Taschenmonster an, dessen Leuchtkraft ihr aber zunächst aktivieren müsst, bevor ihr es letztlich auf einem Bild festhalten könnt. Je nach Pokémon funktioniert diese Mechanik auf eine andere Art und Weise. Mal müsst ihr das Tierchen zuerst aus seinem Versteck locken, mal müsst ihr es verwundbar machen. Habt ihr das Prinzip aber einmal begriffen, werdet ihr schnell feststellen, dass diese Begegnungen immer nach dem gleichen Schema F ablaufen. Die Illumina-Spots sind zwar wunderschön in Szene gesetzt, fallen aber schon beim ersten Durchgang langatmig und wenig anspruchsvoll aus. Im Gegensatz zu den Standard-Leveln, die mit ihrer Artenvielfalt und einer Masse an Events brillieren, ist hier nur allzu schnell die Luft raus.

Am Ende jeder Fotosafari wartet dann natürlich noch die abschließende Bewertung von Professor Mirror auf euch. Dass an dem Wissenschaftler kein Kunstkritiker verloren gegangen ist, beweist er hier recht eindrucksvoll: Ähnlich wie im originalen Pokémon Snap beurteilt der Professor die ausgewählten Schnappschüsse nach fünf Kriterien. Pro Pokémon dürft ihr dabei ein Bild auswählen, das begutachtet wird und in eurem Fotodex übernommen werden kann. Neben Kriterien wie Größe oder Positionierung, sind auch Faktoren wie die Blickrichtung entscheidend. Nur wenn das Pokémon vollständig abgebildet und gut sichtbar ist, regnet es Punkte in den vordefinierten Kategorien. Extrapunkte gibt es immer dann, wenn weitere Pokémon auf dem Bild zu sehen sind oder euer Statist beispielsweise eine besondere Pose einnimmt. Das klingt zwar zunächst nach einer fairen und sachlichen Bewertungsgrundlage, leider zeigt sich das Konzept in der Praxis stellenweise absurd willkürlich. Häufig genug ist es nur schwer nachzuvollziehen, warum ein Foto vom Rücken eines Pokémon besser bewertet wird als eine Frontdarstellung desselben Typs. New Pokémon Snap ist immer noch ein Videospiel, folgt natürlich starr seinem Algorithmus und weniger unserem ästhetischen Empfinden. Zu schade, dass die Punktevergabe gerade im Detail noch so wenig greifbar und nachvollziehbar ist.

Meinung

New Pokémon Snap ist die gelungene Reinkarnation des originellen Pokémon-Spin-Offs aus dem Jahr 1999, das nicht nur wunderbar ausschaut, sondern auch eine authentische Pokémonwelt abbildet. Während New Pokémon Snap den Sammelwahn eines jeden Pokémaniacs vollends befriedigt, werden diejenigen unter euch, die sich für das Franchise ohnehin nur schwerlich begeistern können, vermutlich eher wenig Freude mit dem Titel haben. Nintendo geht mit dem Nachfolger keine großen Wagnisse ein und liefert exakt das, was Fans auch erwarten: ein unaufregender Rail-Shooter mit tollen Kulissen und durchinszeniertem Pokemon-Schauspiel. Das kann man dem Spiel sicherlich vorwerfen, Pokémon-Enthusiasten werden aber vermutlich dennoch voll auf ihre Kosten kommen.
Präsentation
9
Spieldesign
7
Atmosphäre/Story
6
Balance
8
Umfang
8

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