TEST

Yakuza – Like a Dragon

Die Yakuza-Reihe ist zurück und das mit einem neuen vielversprechenden Hauptteil.

Die Tatsache, dass die erfolgreiche Yakuza-Reihe im Dezember 2016 mit nunmehr dem sechsten Teil ihr vorläufiges Ende fand, dürfte viele alteingesessene Fans wehmütig zurückgelassen haben. Obwohl die Reise rund um Serien-Protagonist Kazuma Kiryu endgültig abgeschlossen ist, soll das allerdings noch lange nicht das Aus für das langjährige Franchise bedeuten. Kaum ein Jahr später kündigte SEGA gemeinsam mit Entwickler Ryu Ga Gotoku Studio auch schon den nächsten Serieneintrag an. Yakuza: Like a Dragon trägt zwar den Titel der erfolgreichen Actionspiele, macht jedoch spielerisch sowie aus erzählerischer Sicht einen überraschenden U-Turn. Mit einer frisch modellierten Open-World, einem neuen Protagonisten im Schlepptau und einem Ausflug in ein völlig neues Genre verlässt Yakuza die sicheren Bahnen und begibt sich auf unbekanntes Terrain. Warum das wagemutige Experiment aufgeht und die vielen neuen Versatzstücke dem Franchise gut tun, lest ihr in unserem Test.

Ein wagemutiges Experiment

Nach sechs Hauptteilen und mehreren Ablegern mit dem immergleichen Beat’em-Up-Kampfsystem haben sich die Entwickler der Ruy Ga Gotoku Studios dazu entschlossen, der Serie einen Neustart zu spendieren. Der obligatorische Settingwechsel wird dabei überraschenderweise von einem vollständigen Genrewechsel begleitet: Anstelle der actionlastigen Echtzeitprügeleien, treten im neusten Serienteil nun rundenbasierte Rollenspiel-Gefechte im klassischen JRPG-Gewand. Das etablierte Franchise bekommt einen neuen, erfrischenden Twist spendiert, der eigentlich so naheliegend wie brillant ist.

Mit einer Partie von maximal vier Charakteren zieht ihr also gegen eine Gruppe von Gegnern in den Kampf. Jeder Charakter darf genretypisch eine Aktion pro Runde ausführen, bevor die Gegenseite wieder an der Reihe ist. Nebst einem charakterspezifischen Standardangriff und dem Einsatz von Items, stehen euch eine schier unendliche Anzahl an Spezialangriffen zur Auswahl, die jedoch kostbare Magiepunkte verbrauchen und daher in ihrer Ausführung begrenzt sind. Yakuza bedient sich hier ganz bewusst an großen Rollenspiel-Vertretern wie Genre-Primus Dragon Quest, nimmt sich dabei aber selbst nie allzu ernst. So gesteht unser Protagonist seine Liebe zum Square-Enix-Franchise offen ein, zieht fortwährend Vergleiche mit seinem Leben und nimmt mehr oder minder das komplette Spielprinzip auf die Schippe. Mitunter können sich Fans auch über vielerlei weiterer popkultureller Referenzen freuen, darunter auch mannigfaltige Seitenhiebe in Richtung Pokémon. Like a Dragon weiß das Genre zwar nicht neu zu erfinden, geht damit aber selbstbewusst genug um, um dem Spielprinzip seinen eigenen Touch zu verleihen und sich nicht nur wie eine billige Kopie anzufühlen.

Anstelle der typischen Charakterklassen tritt in Yakuza: Like a Dragon so beispielsweise ein umfangreiches Job-System: Statt Magier, Krieger und Co. fechtet ihr Auseinandersetzungen nun mit Obdachlosen, Pop-Idols oder Dominas aus. Jeder Job bringt dabei unterschiedliche Statuswerte, Fähigkeiten sowie Waffen mit sich, die es im Spielverlauf sinnvoll zu kombinieren gilt. Das Zusammenstellen einer Partie aus 17 verschiedenen Berufsgruppen, die sich weitestgehend flexibel anpassen lassen, sorgt nicht nur für den ein oder anderen Lacher, sondern bringt auch eine gehörige Prise Taktik ins Spielgeschehen, die dem in die Jahre gekommenen Kampfsystem gut tut. Schade nur, dass das Wechseln einer Klasse insbesondere im späteren Spielverlauf zumeist wenig sinnvoll erscheint. Ihr werdet nämlich dazu angehalten jeden eurer Jobs separat aufzuleveln, was euch nach dutzenden Spielstunden immer wieder zum grinden zwingt. Ein wenig mehr Experimentierfreude hätten wir uns hier schon gewünscht. Auch die Tatsache, dass einige Klassen plump auf das Geschlecht eures Charakters gemünzt sind, trägt einen eher faden Beigeschmack. So können unter anderem lediglich weibliche Teammitglieder in die Rolle der knapp bekleideten Domina schlüpfen, während ihren männlichen Kollegen die Rolle des Bodyguards vorbehalten bleibt. Yakuza packt dabei nur allzu oft die Klischeekeule aus und bedient sich an verbrauchten Stereotypen, was trotz allem Wohlwollens störend auffällt.

Ist denn schon wieder Karneval?

Ergänzend zu den rundenbasierten Elementen bringt Yakuza: Like a Dragon einige Echtzeit-Mechaniken mit ins Spiel. Eure Charaktere ändern im Kampfesgeschehen permanent ihre Position auf dem Schlachtfeld, was nicht nur etwas wirr ausschaut, sondern auch Einfluss auf euren Angriff haben kann. Befindet sich beispielsweise ein Gegenstand oder Item auf dem Weg zu eurem Ziel, kann euer Charakter diesen in seinen Angriff einbeziehen und als Waffe nutzen. Andersherum kann sich euch aber auch ein Gegenspieler in den Weg stellen und so euren Zug unterbrechen. Das richtige Timing ist also auch hier von großer Bedeutung und verlangt von euch immer ein wachsames Auge. Die ständige Bewegung sämtlicher Charaktere bringt zwar eine willkommene Dynamik ins sonst eher statische Gameplay, gerade in großen Massenprügeleien wird das Geschehen aber schnell einmal undurchsichtig und wenig überschaubar. Wann greift euer Statist überhaupt nach Items in der Nähe? Wann ist die Distanz zum Gegner zu weit oder gar blockiert? Antworten auf diese Fragen erhaltet ihr häufig genug lediglich durch stupides Trial & Error. Wenn einer eurer Mitstreiter dann noch völlig kopflos gegen parkende Autos oder Abgrenzungen läuft, nur um das Ziel dahinter zu erwischen, dann ist das Chaos perfekt. Glücklicherweise waren Begegnungen dieser Art in unserem Test eher die Seltenheit.
Im Grunde bietet Like A Dragon eine gelungene Adaption der actionreichen Schlägereien aus den Originalteilen. Das neue System zeigt sich über weite Strecken abwechslungsreich und dank den RPG-Mechaniken motivierender denn je, ohne sich jedoch zu sehr vom Franchise zu entfremden. Dabei tut es auch keinen Abbruch, dass Yakuza einen eher konventionellen Weg beschreitet und wenig eigene Spielideen einbringt. Dank des permanenten Augenzwinkerns und des selbstironischen Humors bietet man noch immer genügend Frische und seine ganz eigene Identität.

Willkommen in der Familie, Ichiban!

Doch Yakuza: Like a Dragon hat weitaus mehr Gemeinsamkeiten mit den Originalen als nur seinen Namen und seine Herkunft. Das Spiel entführt uns in die japanische Welt von Ichiban Kasuga, einem Junior-Yakuza der Arakawa-Familie und damit gleichzeitig auch Teil des Tojo-Clans. Als ihn eines Tages Masumi Arakawa, seines Zeichens Patriarch der Familie, bittet für einen Mord ins Gefängnis zu gehen und so ein anderes hochrangiges Yakuza-Mitglied zu schützen, zögert der junge Ichiban keine Sekunde. In dem Glauben er könne so seine Schuld beim Tojo-Clan begleichen und gleichsam zum Märtyrer aufsteigen, sitzt er seine Strafe 18 Jahre lang ab. Als er endlich frei kommt, hat sich die Welt um ihn herum jedoch massiv verändert. Nicht nur scheint sich Arakawa von ihm abgewendet zu haben, auch haben sich die Machtverhältnisse der Yakuza-Clans dermaßen verschoben, dass unser Protagonist nicht länger in Kamurocho willkommen ist. Schon bald sucht er Zuflucht im Yokohama, wo er jedoch nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wird.

Sollte euch nun ein Gedanke durch den Kopf schießen wie “Das kommt mir doch bekannt vor”, dann seid versichert, das ist kein Zufall. Kein Wunder, hatte doch bereits Yakuza aus dem Jahr 2001 eben diese Versatzstücke als Grundstein seiner Geschichte gewählt.
Ein Tojo-Clan Anhänger, der für einen Mord ins Gefängnis geht, den er nicht begangen hat? Check!
Ein Protagonist, der nach Jahren freikommt und eine vollständig veränderte Spielwelt vorfindet? Doppel-Check!
Ein intriganter Komplott, der bis ganz nach oben reicht und massig Dramen mit sich bringt? Jackpot!
Die Jungs und Mädels von Ryu Ga Gotoku bedienen sich auf den ersten Blick schon fast dreist der Vorlage aus dem Serienerstling und münzen diese recht uninspiriert auf einen neuen Protagonisten samt frischer Spielewelt. Das mag zwar nach dem wagemutigen Genrewechsel zunächst inkonsequent wirken, glücklicherweise findet die Geschichte schon nach wenigen Spielstunden ihren eigenen Weg und schafft es so doch noch aus dem Schatten seines Vorgängers herauszutreten.
Grund dafür ist allem voran die interessante Charakterzeichnung unseres neuen Protagonisten Ichiban, der sich offenkundig nicht nur äußerlich von Yakuza-Legende Kiryu unterscheidet, sondern auch charakterlich neue Facetten zu bieten hat. Zwar mimen beide Protagonisten die heroischen Bad-Boys, Ichiban ist im Gegensatz zu seinem reservierten Vorgänger aber weitaus offener und emotionaler. Aufgrund seines quirligen Wesens ist der Ex-Yakuza für so ziemlich jeden Gag zu haben und bietet die perfekte Grundlage für den serientypisch abgedrehten Humor. Und der kommt für japanische Verhältnisse gewohnt überspitzt und unterhaltsam daher.

Kabale und Liebe

Wie schon seine Vorgänger profitiert auch der neuste Yakuza-Teil von einer überaus gelungenen Inszenierung und legt einmal mehr eine Glanzleistung hin. Obwohl gerade der Epilog zu Anfang etwas langatmig und ausufernd ausfällt, weiß die Geschichte über weite Strecken gut zu unterhalten. Intrigen, Storytwists und eine gehörige Portion Melodramen halten die Spannung konsequent oben, wenn man sich denn auf so manch crude Storyverwirbelungen einlassen kann.

Auch im Hinblick auf die Darstellungsform hat Sega Fingerspitzengefühl bewiesen: Aufwändige Cutscenes wechseln sich gekonnt mit hochwertig animierten Ingame-Dialogen und malerischen Rückblenden in Form von Standbildern ab. Unvertonte Abschnitte und öde Textbox-Wüsten wurden weitestgehend aus der Hauptstory verbannt und finden sich nur noch punktuell wieder. In seiner Qualität nähert sich Yakuza immer weiter einer hochwertigen Serienproduktion an, die insbesondere Anime-Fans gut schmecken dürfte.

Yakuza: Like a Dragon bietet darüber hinaus auch genügend frischen Content: Mit dem Yokohama-Distrikt Isezaki Ijincho eröffnet sich euch ein völlig neuer Hauptschauplatz, der Kiryus Zuhause Kamurocho in Sachen Detailreichtum in nichts nachsteht. Die Open-World hält wie gewohnt genügend optionale Inhalte in Form von Substories, zahllosen Shoppingmöglichkeiten und populären Nebenaktivitäten wie Karaoke, Host-Clubs oder Spielhallen für euch bereit, die euch über weitere dutzende Spielstunden beschäftigen. Als kleiner Nostalgie-Bonus sind zudem auch Abstecher in das ikonische Rotlichtviertel des Erstlings vorgesehen sowie in den Osaka-Distrikt Sotenbori.
Doch auch in Yokohama ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Schon beim Erkunden des Distrikts stoßt ihr RPG-typisch alle paar hundert Meter auf Standard Encounter, die euch just im selben Moment in einen Kampf verwickeln. Diese Auseinandersetzungen passieren gerade beim Erkunden der Stadt einen Hauch zu oft und reißen euch gern einmal aus eurer eigentlichen Beschäftigung heraus. Zu allem Überfluss sind diese Begegnungen meist wenig erinnerungswürdig und wirken eher wie Kämpfe vom Fließband. Nicht nur sind eure Gegner vom Typ Klon-Krieger und fallen mit ihren immergleichen Animationen auf, auch bieten sie weder eine wirkliche Herausforderung noch belohnen sie euch spürbar mit Erfahrungspunkten.

Next-Gen-Upgrade für lau

Erstmals seit dem 2001 erschienenen Serienerstling bekommt die Reihe eine vollwertige englische Sprachausgabe spendiert. Nebst der originalen japanischen Vertonung wird das Spiel dann natürlich in Deutsch, Englisch oder einer großen Auswahl weiterer Sprachen untertitelt. Obwohl die Lokalisierung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ einen guten Eindruck macht, fallen allem voran in der deutschen Übersetzung immer Mal wieder kleine Schnitzer auf. Mal wurde die Vorlage zu wortwörtlich und etwas holprig transferiert, Mal passen die Texte nicht so recht zum Kontext des Geschehens. Gerade mit Blick darauf, dass Yakuza in westlichen Gefilden ohnehin nur allzu oft stiefmütterlich behandelt wurde, sind diese Patzer aber allemal verschmerzbar.

Auf technischer Seite präsentiert sich die Umsetzung ansonsten absolut sauber. Glichtes, Spielfehler oder störende Pop-Ins blieben in unserem Test weitestgehend aus, stattdessen überzeugte Yakuza: Like a Dragon mit einer stabilen Performance und raschen Ladezeiten. Grafisch ist das JRPG wenig überraschend der wohl bisher beeindruckendste Eintrag im gesamten Franchise. Die kriminelle Unterwelt hat noch nie so gut ausgesehen, insbesondere die Charaktermodelle der Protagonisten sowie die gut ausmodellierte Spielwelt können dank ihrer Liebe zum Detail überzeugen. Next-Gen-Enthusiasten haben zudem gleich doppelten Grund zur Freude: Yakuza Like A Dragon wird pünktlich zum Release der Xbox Series X bzw. S auch in einer optimierten Fassung zum Download bereitstehen. Besitzer einer PlayStation 5 müssen sich allerdings noch bis nächstes Jahr gedulden. Hier wird das kostenfreie Next-Gen-Upgrade nämlich erst ab dem 2. März 2021 zur Verfügung stehen. In beiden Fällen können Spieler dann von verschiedenen Grafik-Modi Gebrauch machen, die eine 4K-Auflösung bei 60 Bildern pro Sekunde ermöglichen.

 

Meinung

Yakuza: Like a Dragon ist ohne Frage ein ambitionierter und gelungener Nachfolger der erfolgreichen Yakuza-Serie. Like a Dragon geht endlich den konsequenten und längst überfälligen Schritt in Richtung Rollenspiel, den die populäre Hauptreihe bisher trotz aller Parallelen nicht gewagt hat. Und das Konzept geht auf: Das Spielprinzip trumpft mit interessanten neuen Ansätzen auf, ist motivierender denn je und bietet die wohl schönste Spielewelt der kompletten Serie. Dabei tritt man zwar nur allzu gerne in einige für das Genre typische Stolperfallen - der sympathische Cast, die wundervolle Optik und die vielen humorvollen Referenzen lassen uns aber gekonnt darüber hinwegsehen. Kurzum: Wer seine Liebe zu Segas Actionreihe bisher noch nicht entdeckt hat, der tut sicher gut daran, einen Blick auf Like a Dragon zu werfen. Experiment geglückt!
Präsentation
9
Spieldesign
8
Atmosphäre/Story
9
Balance
7
Umfang
10

Gib deinen Senf dazu

Bitte gebe deinen Kommentar ein!
Bitte gebe hier deinen Namen ein