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Shin Megami Tensei V

Wenn Projekte in der heutigen Zeit geradewegs auf den finanziellen Erfolg zusteuern, ist nicht nur der Gedanken über ein Sequel oft nicht weit, zuweilen versucht das federführende Entwickler-Publisher-Gespann die Cash-Cow auch mit dedizierten Ablegern noch einmal umfänglich ‘auszubeuten’. Dabei schaffen es eben diese Spin-offs ab und an sogar aus den Schatten ihrer großen ‘Geschwister’ herauszutreten und bei der bestehenden Fangemeinde noch einen fundierteren Eindruck zu hinterlassen als es die originalen Spielereihen einst vermochten. Während Nintendo in der Vergangenheit mit IPs rund um Donkey Kong, Wario oder Luigi mustergültig demonstrierte, wie auch Sidekicks zurecht in der Rolle der Protagonisten treten dürfen, können wir darüber hinaus auf Ableger wie Die Sims, Forza Horizon oder sogar Conker’s Bad Fur Day zurückblicken, die ihren Urfassungen das Rampenlicht ganz schön strittig machten. Ein ähnliches Schicksal wartete auch auf die japanische Rollenspiel-Reihe Shin Megami Tensei, die erstmals 1987 das Licht der Welt erblickte. Während hierzulande das Franchise ihre vollkommen eigene Japano-Nische abbildete, fand hingegen die Sub-Serie Persona bei den westlichen Spielern deutlich mehr Beachtung. Persona 5 konnte so nicht nur inklusive seiner erweiterten Fassung ‘Royal’ ganze Verkaufsrekorde knacken, die gesamte Historie ist mit Erfolgsgeschichten gespickt, die ihrer ursprünglichen Inspirationsquelle nur allzu gerne das Wasser herübergereicht hat. Mit Shin Megami Tensei V wirft Entwickler Atlus nun den nächsten JRPG-Sprössling in den westlichen Raum, um sich nicht zuletzt auch an dem Erfolg der Geschwisterreihe zu bereichern. Das ambitionierte Rollenspiel-Epos setzt dabei auf eine Nintendo Switch-Exklusivität und verspricht mitsamt seiner offenen Spielewelt und weiterer spannender Gameplay-Neuerungen einen potenziellen Familienstreit vom Zaun zu brechen. Grund genug, dass wir einmal einen genaueren Blick auf das Japano-Gemetzel im Rollenspiel-Gewand samt seiner anhaltenden Familienfehde werfen.

Eine moralische Diskussion über den Zweck und die Mittel

Als gewöhnlicher Highschool-Schüler Tokios startet ihr in Shin Megami Tensei V ohne großen Fokus auf Prolog oder Backgroundstory in den Schulalltag der Jouin Oberschule. Unversehens wird eure Routine allerdings von mysteriösen Vorfällen gestört, die sich in der ganzen Stadt und besonders im Umkreis eurer Schule auftun. Zu allem Überfluss gelangt ihr auf eurem Heimweg dann auch noch zwischen die Fronten eines anhaltenden Krieges von Dämonen und Engeln, die die einst belebte Großstadt schnurstracks in eine trostlose Einöde verwandeln. Um in der neuen von Dämonen unterdrückten Realität zu überleben, bietet euch eine mysteriöse Gestalt namens Aogam dann zu auch noch seine Hilfe an und fusioniert kurzerhand mit euch zu Nahobino, eine deutlich mächtigere Form euer selbst, dem es nun möglich ist sich gegen die dämonischen Ungetüme zur Wehr zu setzen. Mit dem neuen Ziel im Fokus die rätselhaften Geschehnisse aufzudecken und die Welt vor ihrem vermeintlichen Untergang zu retten durchquert ihr jetzt frei die Postapokalypse und stellt euch allerhand diabolischen Bedrohungen, skurrilen Monstern und absonderlichen Gefahren. Shin Megami Tensei V verliert initial wenig Zeit um euch in die postapokalyptische, offene Spielwelt zu entlassen. Dass nicht in jeder Kürze auch zwangsläufig die notwendige Würze liegt, stellt das Rollenspiel dabei mit seiner eher leblosen Eröffnung durchaus provokant unter Beweis. Charaktere werden eingeführt, um zunächst blass und charakterlos zu verbleiben, während die Story auf ein Minimum reduziert mit einer starken Simplizität geläufige Hierarchien und biblische Mythen der Einfachheit halber in den Fokus rückt. Ausschweifende Streitigkeiten zwischen Dämonen und Engeln? Was bereits kulturell bedingt etabliert ist, muss keiner ausführlichen Erklärung folgen – durchaus zweckdienlich aber ebenso wenig innovativ. Während unser Protagonist innerhalb des gesamten Narrativs kaum eine erkennbare Entwicklung durchmacht, treiben uns vor allem die kleineren Augenblicke an, in denen die wenigen Begleiter auf den Plan treten. Samt kleinerer Geheimnisse, greifbarer Charakterentfaltung und der ein oder anderen erfrischende Wendung schafft Entwickler Atlus ausreichend Motivation, um auch fortwährend an der Hintergrundgeschichte partizipieren zu wollen.

Eine derart gehaltvolles, emotionsgeladenes und dramaturgisch ausgearbeitetes Narrativ, wie es die Geschwisterreihe Persona seinerzeit konstruiert hat, kann Shin Megami Tensei V aber in keinem Augenblick plagiieren. Die Story nimmt zwar mit fortwährender Spieldauer bedächtig an Fahrt auf, schafft es dabei dennoch nie wirklich in den Relevanzbereich vorzudringen, dessen Grenzen Persona 5 einst hochmütig abgesteckt hat. Die anfänglich eher substanzlose Storygrundlage wird zunehmend durch ein simples Entscheidungssystem aufgelockert. Dabei schafft man es gekonnt einige moralische und ethische Dilemmata so produktiv im Abenteuer zu platzieren, dass man nicht nur die so notwendige Tiefe schafft – und wenn auch nur in kleineren Dosen -, sondern dem Narrativ eine gewisse Daseinsberechtigung ausstellt. Leider lässt Atlus auch im Rahmen des Entscheidungssystems ernsthafte Konsequenzen weitgehend vermissen. Man verliert so immens viel Potenzial auf dem Weg zum konkurrenzfähigen Storyfundament, dass man fast glauben möchte, dass der japanische Entwickler sogar rein mutwillig eine Abgrenzung zur im westen erfolgsverwöhnten Geschwisterreihe forciert.

Open-World mit Synergieeffekt

Shin Megami Tensei V legt unbestreitbar den Fokus deutlich stärker auf die kämpferischen Auseinandersetzungen als auf eine gefühlsbetonte Inszenierung. Das spielerische Konzept ähnelt dabei in den Grundzügen der Sub-Serie Persona, gibt sich allerdings deutlich herausfordernder und kehrt gleichsam dem charakteristischen Dungeon Crawler-Konzept den Rücken. Was bleibt ist eine freibegehbare Spielwelt, in der Ihr in rundenbasierten Kämpfen gegen allerhand Dämonen und Absurditäten antretet, dabei aus einem Pool an Fähigkeiten wählt, um schlussendlich die Schwächen eurer Kontrahenten zu identifizieren. Habt ihr nämlich die Empfindlichkeiten eurer Gegenspieler einmal erkannt, dürft ihr auf einen zusätzlichen Spielzug zurückgreifen, Gleiches gilt natürlich auch für eure herrlich absurden Widersacher – so weit, so bekannt und durchweg solide.
Vollkommen jungfräulich für die Spielereihe sind hingegen die Energie-Kristalle Magatsuhi, welche nicht nur mit jedem Spielzug angesammelt werden sondern gleichsam auch in der offenen Spielwelt selbst zu finden sind. Erst einmal zusammengetragen könnt ihr mit ihnen deutlich einflussreichere Angriffe und Aktionen durchführen, die – sofern klug eingesetzt – das Potenzial besitzen das Spielgeschehen nachträglich zu euren Gunsten zu wenden. Eine nette Ergänzung, die ein stimmiges wie notwendiges Bindeglied zwischen der ohnehin schon gewichtigen Open-World und dem eigentlichen Kernstück von Shin Megami Tensei V konstruiert: dem strategischen, rundenbasierten Kämpfen.

Ein taktisches Verständnis wird in den anspruchsvollen Gefechten zwar explizit vorausgesetzt, auf motivationaler Ebene verliert euch das Kampfgeschehen dennoch nur selten – nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass ihr den Schwierigkeitsgrad jederzeit individuell anpassen könnt, vorrangig aber durch das komplexe Rollenspielsystem und dessen willkommenen Tiefgang. So zieht ihr auch im fünften Ableger der Hauptreihe nicht vollkommen autonom in die Gefechte sondern habt die Möglichkeit euch Mitstreiter in Form der dämonischen Absonderlichkeiten an die Seite zu stellen. Atlus appelliert hier gekonnt an den Sammelwahn der Spieler. So durchstreift ihr die Spielwelt auf der Suche nach mächtigsten Pokemo… äh Dämonen, stockt euer Team mit einzigartigen Charakteren auf, um dann bevorteilt gegen die Schwächen eurer Widersacher agieren zu können.

Wer sein Team kompetent erweitern will, wirft hier anstelle der ikonisch rot-weißen Bällen allerdings nur mit Worten um euch. Das Konzept dieses verbalen Rekrutierungsprozess gestaltet sich auf den ersten Blick durchaus interessant, so werden euch diverse Antwortmöglichkeiten vorgesetzt, die dann wiederum voraussetzen, dass ihr euer Gegenüber richtig einzuschätzen vermögt. Klappt das alleine nicht, könnte ein Bestechungsversuch mit allerhand Items oder auch ein finanzieller Anreiz durchaus auch zum gewünschten Erfolg führen. Das Ganze wirkt auf Dauer leider doch recht willkürlich, ein Manko an dem Persona 5 seinerzeit schon zu knabbern hatte. Apropos Persona, Spieler der populären Dungeon-Crawler-Reihe dürften einige der Kreaturen bereits kennen und mitunter sogar lieben gelernt haben. So begeistern Dämonen wie Jack Frost, Pixie, Agathion nach wie vor nicht nur durch ihr originelles und kurioses Charakterdesign, sondern bekommen kurzerhand auch ausgearbeitet und individuelle Animationen spendiert, die die Spezialitäten und Eigenheiten der Kreaturen optisch noch einmal deutlich nach außen kehren.

How to: Motivation

Drei eurer dämonischen Begleiter können simultan ins Kampfgeschehen eingreifen, eine strategisch-kluge Auswahl explizit mit Blick auf eure Kontrahenten ist vor allem aufgrund des erbarmungslosen Schwierigkeitsgrades notwendig. Wer in der recht fordernden Hauptmission motivational dennoch nicht mehr folgen kann respektive will, sollte sich im zerstörten Tokio Abhilfe suchen. Stichwort: looten und leveln! In ermüdenden Grinding Session artet das Ganze aber eher selten aus, was nicht zuletzt an der Pokemon-esken Sammelwut liegen dürfte. Gelernt ist nun mal gelernt! Des weiteren wirkt die Tiefe des Rollenspielsystems dem frustierenden-gleichförmigen Abarbeiten deutlich entgegen. Während ihr durch Levelaufstiege automatisiert neue Fähigkeiten erhaltet und damit die klassischen Attribute wie Stärke, Magie und Ausdauer erweitert, habt ihr zudem die Möglichkeit mittels Fusion aktiver in die Entwicklung eurer Mitstreiter einzugreifen. Bei einer Verschmelzung von zwei Dämonen nimmt nicht nur die Stärke des Endproduktes zu, auch die speziellen Fähigkeiten dieser lassen sich miteinander kombinieren. Wer seine Bande also fortlaufend sinnvoll zusammenfügt, dürfte schnell jeder Schwäche die passende bevorteilte Angriffsart entgegensetzen können.

Das Konzept hinter dem “Monstersammeln” verleiht der offenen Spielewelt durchaus eine gewisse Daseinsberechtigung, die vor allem auf motivationaler Ebene fußt. Diese ist recht adäquat strukturiert und hat abseits der potentiellen Verbündeten, allerhand Geheimnisse zu bieten. Während Rastplätze Händler beherbergen und euch gegen einen gewissen Aufpreis heilen, findet ihr hier ebenfalls Teleportation-Möglichkeiten, seltene Items sowie eine Vielzahl an gewinnbringenden, teils abwechslungsreichen Nebenaufgaben. Eure Erkundungstour wird zudem zwischendrin immer wieder durch simplere Platforming-Passagen aufgelockert. Shin Megami Tensei V zeigt grundsätzlich mit der Abkehr von dem traditionellen Dungeon-Aufbau wie man seine Stärken gekonnt ausspielt, indem es das begehbare Tokio tatsächlich sinnvoll ins bestehende Spielsystem integriert.

Im Kern der Hauptmissionen wirkt Shin Megami Tensei V dennoch recht stupide. Wirkliche Rätsel sind hier nicht zu erwarten, stattdessen kloppt ihr nacheinander diverse Bosse zu “Hackfleisch”, um euch kurz darauf dem nächsten überaus herausfordernden Antagonisten zu stellen, der euch wahrscheinlich dann spätesten in die offenen Spielwelt hinaustreibt. Ein Gameplay-Loop, der durchaus funktioniert! Technisch macht Shin Megami Tensei V selbst auf der veraltete Switch-Hardware eine akzeptable Figur.
Kleinere Framerateeinbrüche als auch Pop-ups trüben das Spielerlebnis dennoch geringfügig und machen auch weiterhin deutlich, dass Nintendos Hybrid-Konsole in ihrer aktuellen Revision an ihre Grenzen stößt. Grafisch agiert das Rollenspiel zudem auf einem eher mittelmäßigen Niveau, kann aber nicht nur durch seine gelungene Synchronisation punkten sondern schafft es auch mittels seines ambitionierten Soundtracks eine durchweg motivierende Atmosphäre zu erzeugen, erreicht aber dennoch nie die Sphären, die ein Persona 5 melodisch kreiert hat.

Meinung

Während Shin Megami Tensei im Schatten seiner Geschwisterreihe Persona das strahlende Rampenlicht bislang nur erahnen konnte, startet Entwickler Atlus mit dem fünften Ableger der Hauptreihe nun einen, wenn auch eher zaghaften Versuch aus eben genau diesem herauszutreten. Mit der Abkehr vom traditionellen Dungeon Crawler-Konzept hin zu einer deutlich offeneren Levelstruktur schafft man gekonnt einen Synergieeffekt, der den eigentlich gehaltlosen Gameplay-Loop motivational deutlich aufwertet und unabstreitbar mit einer nachvollziehbaren Rechtfertigung dekoriert. Die Tiefe des Rollenspielssystems sowie der animierende Sammelwahn durch die skurrilen Dämonen wirken dem erbarmungslosen Schwierigkeitsgrad raffiniert entgegen, ohne den Spieler zu stark zu demoralisieren. Währenddessen gibt sich der Plot größtenteils zweckdienlich, gar substanzlos, motiviert den Spieler nur in den kleineren, emotionaleren Augenblicken wirklich an der Storyline partizipieren zu wollen. Obendrein schränkt die Nintendo Switch-Exklusivität das Rollenspiel technisch deutlich ein, was der familiären Aufholjagd nicht sonderlich zu Gute kommen dürfte und nur erneut die Frage nach der Relevanz der aktuellen Revision der Hybrid-Konsole aufwirft. Auch wenn Shin Megami Tensei sich nach wie vor nicht in den hochgelobten Sphären eines Persona bewegen kann, schafft Atlus dank der gegebenen Neuerungen dennoch ein mehr als solides Gesamtkonstrukt auszuliefern, dass nicht zuletzt der Persona-Fangemeinde das Warten auf den nächsten Vollwertigen Ableger verkürzen dürfte. Denn wie gut, dass der Apfel üblicherweise nie weit vom Stamm fällt.
Präsentation
5
Spieldesign
7
Atmosphäre/Story
4
Balance
5
Umfang
9

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